Nuklearmedizin
Medizinern geht der strahlende Stoff aus

Nuklearmediziner sind alarmiert: Europaweit ist die Lieferung von Radiopharmaka ins Stocken geraten. Die drei europäischen Reaktoren, die den strahlenden Stoff Molybdän für die Medizin produzieren, sind außer Betrieb. Eine Beeinträchtigung von Untersuchungen und Therapien scheint unvermeidlich - besonders Brustkrebspatienten sind betroffen.

BERLIN. Alle drei Forschungsreaktoren (in Belgien, Frankreich und den Niederlanden), die die Kliniken mit Molybdän für die Medizin versorgen, sind vom Netz genommen worden - zwei wegen Wartungsarbeiten, der dritte aufgrund eines Störfalls. Erste Patienten bekommen die Folgen bereits jetzt zu spüren. Untersuchungen und Behandlungen mussten verschoben werden, berichtet Wolfram Knapp von der Medizinischen Hochschule in Hannover, zugleich Präsident der European Association of Nuclear Medicine (EANM).

"Ohne radioaktive Isotope können nuklearmedizinische Untersuchungen und Therapien nicht stattfinden", sagt Frank Grünwald, stellvertretender Präsident der Deutschen Gesellschaft für Nuklearmedizin e.V. (DGN). Zwar sieht der Direktor der Klinik für Nuklearmedizin an der Uni-Klinik Frankfurt am Main noch keine Beeinträchtigungen, doch diese seien in absehbarer Zeit unvermeidlich, da mit einem Routinebetrieb der Kraftwerke erst in sechs bis acht Wochen zu rechnen sei. Selbst wenn ein Reaktor wieder in Betrieb gehe, dauere es mindestens zehn Tage, bis erste Radiopharmaka wieder ausgeliefert werden könnten.

Die DGN warnt daher vor einer akuten Gefahr für die Gesundheit, vor allem bei Patienten mit schnell wachsenden Tumoren, weil hier ein Aufschub oder eine Unterbrechung der Therapie lebensbedrohlich sein kann. Allein die Fallzahlen machen deutlich, wie abhängig die Medizin von radiopharmazeutischen Präparaten ist: Mehr als drei Millionen nuklearmedizinische Untersuchungen (sogenannte Szintigrafien) werden jährlich in Deutschland durchgeführt und mehr als 100 000 Therapien. "Bei einem Versorgungsausfall von Radionukliden können pro Woche etwa 60 000 Untersuchungen und rund 2 000 Therapien nicht mehr stattfinden", rechnet Grünwald vor.

Besonders betroffen sind Brustkrebspatienten, wo der schwach strahlende Stoff sowohl bei der Tumorlokalisierung wie auch bei Operationen und Therapien eingesetzt wird. Hierfür verwendet wird das Isotop Molybdän-99, das zu Technetium 99m zerfällt. Eingesetzt wird es unter anderem für Knochen-, Nieren-, Herz-, Lungen- und Schilddrüsenuntersuchungen sowie bei der Behandlung von Lymphknotenkrebs und natürlich für Chemotherapien.

Das Isotop ist dafür besonders geeignet, weil es eine kurze Halbwertszeit von 66 Stunden hat, was für den Transport reicht. Für die Behandlung und Untersuchung wird letztlich das Isotop Technetium 99m genutzt, da es eine Halbwertszeit von nur sechs Stunden hat, wodurch der Patient nur schwach mit Strahlen belastet wird.

Seite 1:

Medizinern geht der strahlende Stoff aus

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%