Potenzmittel wird 20 Viagra könnte Comeback als Krebsmittel feiern

Vor 20 Jahren kam Viagra auf den Markt. Jetzt winken neue Anwendungen für die Potenzpille: Kann Viagra auch gegen Krebs helfen?
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Diese blaue Pille blieb 20 Jahre standhaft

Diese blaue Pille blieb 20 Jahre standhaft

DüsseldorfDer 27. März 1998 war der Tag, an dem die zweite sexuelle Revolution ausbrach. Ein paar Jahrzehnte zuvor war die die Anti-Baby-Pille auf den Markt gekommen und hatte das Sexleben der Menschen grundlegend verändert. Nun war es wieder eine Arznei, diesmal in Rautenform und babyblau.

Viagra eröffnete Männern ganz neue Möglichkeiten. Das mittlerweile wohl bekannteste Medikament der Welt ist vor 20 Jahren mit dem Versprechen angetreten, Männern mit Potenzproblemen zu neuer Stärke im Bett zu verhelfen. Und wie es aussieht, wurde das Versprechen gehalten.

Die Statistiken rund um das Wundermittel sind beeindruckend: Drei Milliarden Pillen sind nach Angaben der Herstellers Pfizer seit der Markteinführung 1998 verkauft worden. Und das ist nur die Zahl zum Originalprodukt. Seit vier Jahren werden in Europa billigere Kopien verkauft, die nur die Hälfte des Originalpreises von rund 60 Euro pro Packung kosten.

Die Gewinnbringer der Pharmabranche
Platz 10: Prevenar
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Der Impfstoff schützt vor der Infektionskrankheit Pneumokokken, einer bakteriellen Lungenentzündung, die vor allem für Kleinkinder und ältere Menschen lebensbedrohlich sein kann. Dem Pharma-Riesen Pfizer bringt der Impfstoff jährlich 5,7 Milliarden Dollar ein.

Platz 9: Lantus
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Den Insulin-Stift von Sanofi nutzen weltweit Millionen Diabetiker – und bescheren dem französischen Pharmakonzern jährlich Einnahmen von mehr als sechs Milliarden Dollar.

Platz 8: Herceptin
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Unter dem Namen Herceptin vermarktete der Baseler Pharmakonzern Roche einen Antikörper, der zur Behandlung von einigen Brust- und Magenkrebsformen eingesetzt wird. Die Entwicklung der Arznei durch den Krebsforscher Dennis Slamon wurde 2008 unter dem Titel „Living Proof“ verfilmt. Bis heute hat auch Roche seine Freude an dem Medikament: Es generiert pro Jahr einen Umsatz von 6,7 Milliarden Dollar. Damit trägt Herceptin allein mehr als zehn Prozent zum Jahresumsatz von Roche bei.

Platz 7: Avastin
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Mit Avastin hat Roche ein weiteres profitables Krebsmedikament im Portfolio: Avastin ist beispielsweise für Darm-, Lungen- oder Gebärmutterhalskrebs im fortgeschrittenen Stadium zugelassen. Die Baseler verdienen pro Jahr 6,72 Milliarden Dollar mit dem Wirkstoff.

Platz 6: Revlimid
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Der Wirkstoff des US-Pharmakonzerns Celgene ist in Europa als „Orphan Drug“ zugelassen – also als Medikament für seltene Krankheiten. Das bedeutet, dass es nur in wenigen Fällen verschrieben wird, die Therapiekosten jedoch sehr hoch sind. Das Krebsmittel bringt Celgene im Jahr knapp 7 Milliarden Dollar.

Platz 5: MabThera/Rituxan
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Das wichtigste Krebsmittel von Roche generiert jährlich 7,23 Milliarden Dollar Umsatz. Der unter den Namen MabThera und Rituxan vermarktete Wirkstoff gilt als Vorreiter der sogenannten gezielten Krebstherapie, bei der die Antikörper mittels Gentechnik hergestellt werden.

Platz 4: Remicade
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Die Ampullen der US-Pharmariesen Johnson & Johnson sowie Merck & Co. helfen gegen zahlreiche Krankheiten: In Europa ist das Medikament als Therapie etwa für die chronische Darmerkrankung Morbus Crohn oder die Hautkrankheit Schuppenflechte zugelassen. Der Allrounder bringt den beiden Konzernen jährliche Einnahmen von 8,2 Milliarden Dollar.

Im Dezember 2017 ist das Patent auch in den USA abgelaufen. Über 30 Milliarden Dollar hat der US-Pharmakonzern Pfizer mit Viagra in den zwei Jahrzehnten umgesetzt – nun gehen die Einnahmen durch die neue Konkurrenz stetig zurück.

Die Entwicklung des Potenzmittels war nicht geplant, denn eigentlich suchte Pfizer nach einem Wirkstoff gegen Bluthochdruck. 1989 schufen zwei Konzernforscher Sildenafil und testeten die Substanz einige Jahre später an einer Gruppe englischer Arbeiter. Dabei zeigte sich ein überraschend anderer Effekt: Die Männer berichteten glücklich über länger anhaltende Erektionen beim Sex.

Die Entdeckung von Viagra war der Beginn eines neuen Kapitels der Medizingeschichte. Die Schwäche des Mannes im Bett wurde bis dahin öffentlich kaum thematisiert. Und in den Praxen wurde sie mit vergleichbar brachialen Methoden zu bekämpfen versucht: mit Spritzen in den Penis, Vakuumpumpen oder dem Einsatz künstlicher Schwellkörper. Eine Pille Viagra hingegen verhilft potenzschwachen Männern binnen einer halben Stunde zu einer ungekannt harten Erektion, die Wirkung hält einige Stunden an.

Vom riesigen Verkaufserfolg angelockt entwickelten andere Pharmahersteller ähnliche Produkte, unter anderem Bayer mit dem Mittel Levitra. Zum Hauptkonkurrenten entwickelte sich aber das vom US-Konzern Lilly verkaufte Mittel Cialis. Während die Wirkung von Viagra meist nach acht Stunden nachlässt, ist Cialis noch bis zu drei Tage spürbar. Ende 2017 hat auch Cialis seinen Patentschutz verloren.

Hoffnung auf neues Mittel gegen Krebs

Was vielen nicht bewusst ist: Der Viagra-Wirkstoff Sildenafil hilft nicht nur potenzschwachen Männern. Zugelassen ist er auch für die Behandlung von Frühchen, bei denen in vielen Fällen die Lungenfunktion noch nicht voll entwickelt ist. Sildenafil hilft, die Blutgefäße zu öffnen, was bei den frühgeborenen Babys den Lungenhochdruck senken soll.

Die therapeutische Karriere von Sildenafil ist damit vermutlich noch nicht beendet. Seit Jahren testen Wissenschaftler die Substanz auf weitere Therapiegebiete. Dabei zeigte sich mehrfach, dass Viagra das Potenzial zur Unterdrückung von Krebs hat.

Schon 2011 wiesen Wissenschaftler am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg nach, dass Viagra das Immunsystem von Mäusen stärkt. Sie gaben das Mittel Nagetieren mit dem schnell tödlich verlaufenden schwarzen Hautkrebs – die Tiere lebten danach doppelt so lange wie Mäuse ohne Viagra-Zusatz.

Dabei greift Sildenafil nicht den Tumor direkt an. Es unterläuft aber einen Trick, den Krebszellen anwenden, um das körpereigene Immunsystem von sich abzulenken. Bis heute ist allerdings offen, ob sich diese Wirkung auf den Menschen übertragen lässt. Das gilt auch für die jüngst in den USA vorgestellte Entdeckung.

Forscher an der Universität in Augusta im südlichen US-Bundesstaat Georgia hatten Mäusen geringe Dosen des Viagra-Wirkstoffs verabreicht. In der Hälfte der Fälle ging die Bildung von Polypen im Darm zurück – also abnormen Zellklumpen, die eine Vorstufe von Dickdarmkrebs sein können. Jetzt wird das Mittel an Menschen getestet, die ein erblich bedingt hohes Risiko einer Darmkrebserkrankung haben.

Neue Konkurrenz für Viagra könnte aus ganz anderer Richtung kommen. In Brasilien wurde unlängst die Wirkung des Gifts einer bestimmten Wanderspinne näher untersucht. Der Biss der Phoneutria nigriventer bringt den Erkenntnissen zufolge nicht nur Schmerzen mit sich, sondern löst beim Mann auch eine stundenlang anhaltende Erektion aus. Nun wollen Wissenschaftler prüfen, ob eine Kombination von Sildenafil und dem Spinnengift zu einer Art Viagra 2.0 entwickelt werden kann.

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