Prinzip der „Chaoskontrolle“
Mediziner setzen auf die heilsame Wirkung des Chaos

Die Chaosforschung versucht neuerdings, Seuchen und Krankheiten unter Kontrolle zu bringen. Den Forschern geht es darum, sich selbst organisierende Strukturen eines chaotischen Systems zu ergründen und zu beeinflussen.

DÜSSELDORF. Als die Vogelgrippe Rügen erreicht hatte, war auch dem Letzten klar: Seuchen verbreiten sich schneller als einem lieb sein kann und sind auf ihrem Weg nahezu unkontrollierbar. In diesem Fall brauchte das Übel nicht einmal Flugzeuge, um von Fernost in den Nordosten Deutschlands zu gelangen. Die Erreger folgten bei ihrer Verbreitung einem unstrukturierten Muster. Und genau an dieser Stelle horchen Chaosforscher auf.

Ihnen geht es darum, sich selbst organisierende Strukturen eines chaotischen Systems zu ergründen und zu beeinflussen. So haben Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen eine Theorie entwickelt, die die Ausbreitung von gefährlichen Erregern wie SARS vorhersagt. Mithilfe der Chaostheorie entwarfen die Forscher ein Computermodell, das internationale Flugverbindungen und Passagierbewegungen der Strecken darstellt. Am Rechner wurde der Keim in Hongkong in die Welt gesetzt. Von dort verbreitete er sich im Modell wie Passagiere mit SARS. Und in der Tat: Die Prognose deckte sich mit den gemeldeten Fällen.

Zunehmend versuchen Mediziner, unberechenbare Zusammenhänge beherrschbar zu machen und für die Heilung zu nutzen. So sind Mediziner des Forschungszentrums Jülich dabei, den Hirnschrittmacher für Parkinsonkranke mit Methoden der Chaosforschung zu optimieren. Bisher werden den schwer erkrankten Patienten Elektroden implantiert, um überaktive Hirnregionen durch hochfrequente elektrische Stöße unter Kontrolle zu bringen.

Das Problem: Die Wirkung lässt mit der Zeit nach. „Das Nervensystem gewöhnt sich an den Dauerreiz, der gegensteuern soll“, erklärt Peter Tass, Professor für Medizin am Forschungszentrum Jülich. Auch die Nebenwirkungen wie Gedächtnis- oder Sprachstörungen hätten das Team veranlasst, mit Methoden der Chaostheorie nach sanfteren effizienten Alternativen zu suchen. „Wir wollen das Feuern der kranken Hirnzellen nicht einfach unterdrücken, sondern deren Tätigkeit an einen gesunden Zustand annähern“, sagt Tass.

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