Projekt „BrainPort“
Sehen mit der Zunge

Das Gehirn sieht, nicht die Augen: In den USA wird derzeit ein Gerät getestet, das Blinden einen Teil ihrer Sehfähigkeit zurückgibt. Der „BrainPort“ des renommierten National Eye Institutes nutzt die Zunge als „Zufahrtsweg“ für Bilder ins Gehirn.
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WASHINGTON. „Erst prickelt es auf der Zunge, und dann siehst du Bilder im Kopf, wie du sie nie mehr für möglich gehalten hättest.“ Erik Weihenmayer ist noch immer gerührt, wenn er es schafft, mit seiner kleinen Tochter „Schere, Stein, Papier“ zu spielen. Das Fingerspiel ist für die meisten Menschen ein Kinderspiel. Für den blinden Amerikaner ist es eine größere Leistung als den Mount Everest zu besteigen.

Weihenmayer konnte bislang nicht die Symbole sehen, die seine Tochter für das Spiel mit ihren Händen formte. Dank eines neuen Geräts erkennt der als Teenager Erblindete nun wieder jeden ihrer Finger. Der „BrainPort“ ist ein Projekt des renommierten amerikanischen National Eye Institutes (NEI) in Bethesda bei Washington.

Weihenmayer ist einer von drei US-Bürgern, die das Gerät derzeit testen. „Es ist dein Gehirn, das sieht - nicht die Augen“, erklärt der 40-Jährige, der eine Sonnenbrille mit einer winzigen Kamera auf der Nase trägt. „Und wenn die Augen nicht funktionieren, müssen die Bilder einen anderen Zugang zum Hirn finden.“ Etwa über die Zunge, wie es beim „BrainPort“ geschieht. Das Gegenstück zur Kamera ist nämlich ein drei Quadratzentimeter großes Plättchen, das wie ein Lutscher in den Mund geschoben wird.

„Die digitalen Kamera-Bilder werden in elektrische Signale umgewandelt und über bis zu 600 Elektroden als Pixel an die Zunge weitergegeben“, erklärt Programmleiter Michael Oberdorfer vom National Eye Institute. „Die Idee des BrainPorts ist es, defekte Sinne zu ersetzen.“ Bei der Blindenschrift Braille etwa gelangen Zeichen durch den Zeigefinger ins Hirn. „Das Hirn ist formbar und es lernt, auch über Umwege an Informationen zu kommen. Und ein Organ, das sich wegen seiner extremen Sensitivität dazu eignet, ist die Zunge.“

Wie sich das anfühlt, hat Weihenmayer als allererste Testperson vor fünf Jahren erfahren. „Die Ärzte kullerten mir einen Tennisball zu, da fing auf meiner Zunge ein kleiner Punkt zu prickeln an“, erinnert er sich. „Je näher der Ball kam, umso größer wurde der fühlbare Punkt auf meiner Zunge. Mit einem Mal hatte ich ein Bild von dem kullernden Ball auf dunklem Grund im Kopf und es gelang mir, nach ihm zu greifen.“ Was für Sehende eine Kleinigkeit ist, hat Weihenmayer überwältigt. „Ich fühlte mich wie ein Kind, dem nach Lachen zumute ist, weil es ein neues Spielzeug hat.“

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