Prothesen
Mechaniker der Menschen

Rund um den Globus arbeiten Ingenieure und Wissenschaftler an Ersatzteilen für den Menschen. Sie bauen künstliche Knies, Zähne und Brüste, versuchen sogar, Lebern, Nieren und Herzen zu züchten - ein Milliardengeschäft.
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Duderstadt, HamburgMartin Pusch sucht einen sicheren Stand, dann zerrt er mit all seiner Kraft an dem Bein. Sensoren messen, wie stark er das tut, und übertragen die Ergebnisse auf einen kleinen Bildschirm an der Wand. Je heftiger Pusch zieht, desto heftiger schlagen die Kurven aus.

Das Bein, an dem sich der 51 Jahre alte Ingenieur im blauen Ringelpullover abmüht, ist eine Prothese. Sie hängt an einer Wand im Foyer des Hauptquartiers von Otto Bock Healthcare. Pusch leitet die Entwicklungsabteilung bei dem Unternehmen, das mehr Menschen auf der Welt mit Ersatzteilen für verlorene Gliedmaßen ausstattet als jedes andere. Das Bein, genauer gesagt dessen Prunkstück, das künstliche Kniegelenk, hat er mitentwickelt.

Dieses Knie, C-Leg getauft, setzt in der Branche Maßstäbe. Es arbeitet mit moderner Mikrochiptechnik, erkennt die Schrittgeschwindigkeit seines Trägers und passt sich dieser in Echtzeit an. Wenn der Mensch ins Stolpern gerät, fängt es die Wucht des Auffangschritts ab und verhindert den Sturz. Zuvor waren Menschen mit Beinprothesen verloren, wenn sie aus dem Tritt kamen, deshalb mussten sie beim Laufen ständig auf den Boden starren.

Das C-Leg hilft beinamputierten Menschen, ein Stück Lebensqualität zurückzuerobern – aber es hat seinen Preis: Es kostet inklusive Behandlung rund 30.000 Euro, soviel wie ein gut ausgestatteter VW Passat. Und von der Hilfe leben auch die Helfer nicht schlecht.

Schätzungen zufolge haben weltweit sechs Millionen Menschen Gliedmaßen verloren, 200.000 Menschen in Deutschland brauchen pro Jahr eine neue Hüfte. Allein für künstliche Hüft- und Kniegelenke geben die gesetzlichen Krankenkassen rund 3,5 Milliarden Euro aus, für Prothesen und andere Hilfsmittel bezahlten sie im vergangenen Jahr etwa 2,2 Milliarden Euro.

Der Markt für menschliche Ersatzteile gedeiht. Schließlich ist den modernen Gesellschaften nichts teurer als der Mensch und dessen Gesundheit. Und die modernen Gesellschaften sind es gewohnt, dass die Technik für praktisch jedes Problem eine Lösung hat: Wenn sich ein kaputtes Auto reparieren lässt, dann ja wohl auch ein kaputter Mensch.

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