Psychologie
Die Krankheit lauert überall

Wir sind alle krank. Zumindet, wenn es nach amerikanischen Psychologen geht. Die definieren immer neue psychische Störungen - von der Schüchternheit bis zum Jähzorn. Doch nun wird Kritik laut. Über die Folgen einer allgemeinen Pathologiesierung der Gesellschaft.
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DÜSSELDORF. Die Krankheit lauert überall. In der Kneipe zum Beispiel, wo sie großes Leid erzeugt, indem sie verhindert, dass sich zwei schmachtende Herzen ansprechen. Im Volksmund heißt das Schüchternheit, doch für Psychiater ist es eine "soziale Phobie". Diese ist als psychische Störung ebenso behandlungsbedürftig wie etwa die "Intermittent explosive Disorder", vulgo auch Jähzorn genannt.

Zumindest legt das "Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders" (DSM) dies nahe, das Handbuch, in welchem sämtliche anerkannten psychischen Störungen beschrieben sind. Außerhalb der USA gilt es zwar nicht als verbindlich für Diagnosen, aber vor allem für Forschungszwecke wird es auch in Deutschland eingesetzt. Damit ist das DSM sozusagen das Grundgesetz der Psychiatrie - für den Arzt gibt es also genau die psychischen Probleme, die dort aufgelistet sind.

Und das werden immer mehr. In der ersten Ausgabe des DSM, 1952 erschienen, waren noch 106 verschiedene psychische Störungen aufgeführt. In der zweiten Ausgabe von 1968 waren es bereits 182, in der dritten Ausgabe von 1980 plötzlich 265, und in der vierten und bislang letzten von 1994 ganze 297. In nicht einmal 50 Jahren hat sich die Zahl psychischer Störungen fast verdreifacht. Neben zweifellos sehr ernsthaften Krankheiten wie Depression oder Schizophrenie finden sich darin auch "schwacher Sexualtrieb" und "koffein-bedingte Schlafstörung". Immer mehr Alltagsprobleme werden also als psychische Störung deklariert.

Im Mai 2012 soll die fünfte Fassung des DSM erscheinen. Von einer weiteren Zunahme der Zahl der Krankheiten ist auszugehen. Seit Ende 2007 schreiben 13 Arbeitsgruppen aus aller Welt am neuen Grundgesetz der Psychiatrie. Seit einigen Wochen nun steht diese "DSM-Task Force" aber in schärfster Kritik.

Im Fachmagazin "Psychiatric Times" beschweren sich Robert Spitzer und Allen Frances darüber, dass die Arbeitsgruppen zu Vertraulichkeit verpflichtet wurden. Das verhindere eine wissenschaftlich transparente Debatte. Die Entscheidungen über die Akzeptanz neuer Krankheiten sind also nicht nachvollziehbar. Frances bezweifelt sogar, dass es genug wissenschaftliche Fortschritte für eine Neufassung gibt. Die Psychiater, so gewinnt man den Eindruck, definieren munter neue Krankheiten - und damit eigene Tätigkeitsfelder und Einnahmequellen.

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