Rizin Immun gegen eines der tödlichsten Gifte

Rizin gilt als eines der tödlichsten Gifte der Welt – ein paar Milligramm reichen aus, um einen Menschen zu töten. An der Uniklinik Münster ist ein Mann Patient, der als nur einer von drei Menschen weltweit immun ist.
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Der Mediziner Thorsten Marquardt (r) und sein Patient Jakob ( Name geändert) in einem Labor in der Uni Klinik in Münster. Jakob ist einer von nur drei Menschen auf der Welt, die immun sind gegen das tödliche Gift Rizin. Quelle: dpa
Immun gegen Rizin

Der Mediziner Thorsten Marquardt (r) und sein Patient Jakob (Name geändert) in einem Labor in der Uni Klinik in Münster. Jakob ist einer von nur drei Menschen auf der Welt, die immun sind gegen das tödliche Gift Rizin.

(Foto: dpa)

MünsterEin paar Milligramm Rizin – mehr braucht es nicht, um binnen Stunden einen Menschen zu töten. Jakob (Name geändert) dagegen würde eine Attacke mit dem Gift überstehen. Aufgrund eines genetisch bedingten Stoffwechsel-Defekts ist der 20-Jährige dagegen immun – als einer von nur drei Menschen weltweit, die bekannt sind.

„Für die Forschung ist Jakob ein Glücksgriff“, sagt Thorsten Marquardt, der am Uniklinikum Münster den Bereich Angeborene Stoffwechselerkrankungen leitet. Auch dank ihm versteht man den Aufnahmemechanismus des Gifts inzwischen besser. „Wo man die Mechanismen kennt, kann man Gegengifte entwickeln“, erklärt Marquardt.

Rizin gilt als eines der tödlichsten Gifte der Welt. Im Kriegswaffenkontrollgesetz ist es als Kriegswaffe gelistet. „Rizin ist immer wieder Thema, wenn es um bioterroristische Angriffe geht“, sagt Marquardt. Rizin kam etwa zum Einsatz, als 1978 der bulgarische Dissident Georgi Markow in London von einem Mann mit einem mit Rizin präparierten Regenschirm vergiftet wurde.

Exotische Giftmischer im Tierreich
Komodowaran
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Mundgeruch macht einsam, heißt es plakativ. Doch das ist nicht der einzige Grund, warum Menschen sich tunlichst vom Maul der indonesischen Komodowarane (Varanus komodoensis) fernhalten sollten. Die vor allem auf der Insel Komodo beheimateten Echsen sind veritable Jäger, die auch deutlich größere Beute wie Hirsche oder Büffel überwältigen können - und auch vor Angriffen auf den Menschen nicht zurückschrecken.

Lange dachten Wissenschaftler, dass ein tödlicher Bakteriencocktail aus dem Speichel die Waffe der Tiere wäre: Er sollte eine letale Blutvergiftung auslösen. Erst vor wenigen Jahren erkannte man dann jedoch, dass die Warane ebenfalls mit Gift arbeiten: Eine Analyse ihres Toxindrüseninhalts ergab eine Mixtur aus Proteinen, die sowohl die Blutgerinnung hemmt als auch Muskelstarre und Bewusstlosigkeit hervorruft.

Sporngans
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Erfahrene Jäger in Westafrika wissen: Hände weg von der Sporngans (Plectropterus gambensis). Denn dieses Geflügel ist hier oft völlig ungenießbar – und eine Mahlzeit kann im Extremfall tödlich enden. Zur Hauptmahlzeit dieser in weiten Teilen Afrikas beheimateten Glanzentenart gehören bestimmte Ölkäfer, die wiederum ein hochpotentes Gift namens Cantharidin produzieren.

Und das macht die Gans ganz schön giftig. Trotzdem wurde es früher in sehr geringen Dosen als Aphrodisiakum verwendet, da es die Genitalien anschwellen lässt. Doch bereits zehn Milligramm reichen aus, um einen erwachsenen Menschen zu töten. (Foto: Wikipedia/CC BY-SA 3.0/Dick Daniels)

Schlitzrüssler
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Verglichen mit den Reptilien oder Amphibien verfügen nur sehr wenige Säugetierarten über Gifte, die sie zur Verteidigung oder Jagd einsetzen können. Neben verschiedenen Spitzmäusen und dem Plumplori (Nycticebus kayan) – einer Primatenart – trifft dies beispielsweise auf die Schlitzrüssler zu. Diese urigen Insektenfresser leben ausschließlich in der Karibik und produzieren in einer Speicheldrüse im Unterkiefer ein potentes Nervengift.

Dieses Gift leiten sie über eine Furche in einem der unteren Schneidezähne in das gebissene Opfer und überwältigen so auch eine relativ große Beute. Ihr Toxin nützt ihnen aber leider nichts gegen Lebensraumzerstörung und eingeschleppte Arten. Die beiden überlebenden Schlitzrüsslerspezies auf Kuba und Hispaniola sind daher stark gefährdet, und erst vor wenigen Jahren entdeckten Mitarbeitern des britischen Durrell Wildlife Conservation Trust wieder einige Exemplare in Haiti. (Foto: Wikipedia/CC BY-SA 3.0/Seb az86556)

Pfeilgiftfrosch
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Wer im Regenwald mit besonders intensiven Farben aufwartet, deutet oft an: "Friss mich nicht, mein Gift ist tödlich!" Das gilt für den Pfeilgiftfrosch, der zu den giftigsten Tieren der Welt zählt. Sein Batrachotoxin ist so potent, dass ein typischer Frosch 10 bis 20 Menschen töten könnte. Es verhindert die Reizleitung in den Nerven und sorgt dafür, dass Muskeln sich dauerhaft zusammenziehen: Der Tod kommt dann durch einen Herzinfarkt.

Die indigene Bevölkerung des Choco-Regenwalds in Kolumbien nutzte sein Hautsekret daher lange für die Jagd mit Pfeil und Bogen, weil getroffene Beutetiere rasch verenden. Ihr Gift beziehen die Lurche aus ihrer eigenen Nahrung, toxischen Käfern und Milben, die sie gefahrlos verspeisen können. Fehlt dieses Futter wie etwa in der Terrarienhaltung, verlieren die Frösche bald ihre Gefährlichkeit.

Hundertfüßer
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Wachsender Beliebtheit bei Terrarienfreunden erfreuen sich tropische Hundertfüßer: Bis zu 25 Zentimeter lang können diese Gliederfüßer werden, deren Anzahl an Beinpaaren stark variieren kann. Ganz unproblematisch ist ihre Haltung allerdings nicht, denn die auch Skolopender genannten Tiere sind flink, wendig, aggressiv und können schmerzhaft zubeißen.

Aus ihrem zu Giftklauen umgebauten ersten Beinpaar geben sie dann einen reizenden Cocktail ab, der Azetylcholin, Serotonin sowie Histamin beinhalten kann. Manche Arten produzieren sogar Blausäure. Das Gift ist für einen gesunden Erwachsenen normalerweise nicht tödlich, aber der Schmerz strahlt über den ganzen Körper aus, und es kann zu zeitweiligen Lähmungserscheinungen kommen. (Wikipedia/CC BY-SA 3.0/Franz Winter)

Kugelfisch
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Manche Delikatessen zu verspeisen, kann mit dem Tod enden – beispielsweise der Genuss von Fugu, einer japanischen Spezialität, die aus dem Muskelfleisch von Kugelfischen zubereitet wird. Nur speziell ausgebildete Köche dürfen sich an die Zubereitung wagen, denn neben dem ungiftigen Muskelfleisch befinden sich die giftige Haut, die Leber und die Eierstöcke des Meeresfischs.

All diese Körperteile enthalten das nach dem lateinischen Familiennamen des Tiers benannte Tetrodotoxin, das zu den potentesten natürlichen Giften der Erde gehört. Schon zehn Mikrogramm wirken letal und lähmen alle Körpernerven, aber nicht das Hirn: Man erstickt bei vollem Bewusstsein, wenn keine Gegenmaßnahmen eingeleitet werden. Wahrscheinlich erzeugen die Fische ihr Gift nicht selbst, sondern nehmen es über Bakterien auf. (Foto: Wikipedia/CC BY-SA 3.0/Chris 73)

Zweifarbenpitohui
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Vögel sind nicht unbedingt als Gifttiere bekannt. Neben der oben erwähnten Sporngans kennt die Wissenschaft bislang nur noch sechs weitere giftige Arten – die vor allem in Neuguinea vorkommen wie dieser Zweifarbenpitohui (Pitohui dichrous) aus der Familie der Pirole.

Nur durch Zufall entdeckten Biologen, dass im Gefieder und der Haut der Vögel das von den Pfeilgiftfröschen bekannte Batrachotoxin vorhanden ist: Beim Fangen hatten die Tiere einen Forscher gekratzt, worauf dieser Körperbereich zeitweilig taub wurde. Die einheimischen Papua verschonen daher meist die Pitohui, wenn sie jagen – weil sie kaum genießbar sind. (Foto: Wikipedia/CC BY-SA 2.0/markaharper1)

Markow starb wenige Tage später. Hinter dem Mord wird das damalige kommunistische Regime in Bulgarien vermutet. Im April 2013 war Rizin in den Schlagzeilen, weil das FBI einen mit dem Gift versehenen Brief an Obama abfing.

Rizin ist ein Protein aus den Samen des Wunderbaums. Mitunter ist die Dosis weniger Samenkörner tödlich. „Symptome einer Vergiftung sind etwa Erbrechen, Durchfall, Kreislauf- und Nierenversagen“, erläutert der Toxikologe Markus Christmann von der Universitätsmedizin Mainz. Rizin blockiert ein wichtiges Enzym im Körper. Bislang gibt es kein Gegengift.

Jakob kam 1997 mit 770 Gramm Körpergewicht deutlich zu früh auf die Welt. „Mit ihm war immer was“, erinnert sich seine Mutter. Bereits am ersten Tag nach der Geburt muss der Junge operiert werden, weitere OPs folgen. In seinen ersten beiden Lebensjahren hat Jakob häufig hohes Fieber.

„Wir konnten uns lange nicht erklären, warum er immer wieder das Fieber hat“, erinnert sich Marquardt. Ein junger Arzt auf der Station sei dann auf die richtige Spur gekommen: „Er biss sich daran fest, dass Jakob viel zu viele weiße Blutkörperchen hat“, so Marquardt.

Über Umwege kam der Arzt darauf, dass Jakob aufgrund eines genetischen Defekts keine Fucose produzieren kann – das ist ein Zucker, den jeder Mensch im Körper hat. „Es gibt nur zwei weitere Menschen auf der Welt, von denen bekannt ist, dass sie den gleichen Defekt haben“, sagt Marquardt. Sie leben beide in Israel. Weil man den Gendefekt nun kannte, konnten die Ärzte eine Therapie entwickeln: Heute führen sie dem jungen Mann Fucose künstlich zu.

Zwei Gene sorgen für die tödliche Wirkung von Rizin
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