Schlafstörungen quälen Millionen Deutschland ist übermüdet

Trauma statt Traum: Immer mehr Deutsche leiden unter Schlaflosigkeit – mit schlimmen Folgen. Zugleich werden an der Sehnsucht nach Bettruhe Milliarden verdient. Guter Schlaf gilt manchem gar als Status-Symbol.
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Schlafstörungen sind in unserer modernen Industriegesellschaft auf dem Vormarsch. Quelle: dpa
Müde durch den Tag

Schlafstörungen sind in unserer modernen Industriegesellschaft auf dem Vormarsch.

(Foto: dpa)

UlmRuhelose Nächte, zermürbendes Schnarchen, immer wieder Atemaussetzer und morgens fühlt man sich wie gerädert. Wenn dagegen nichts anderes hilft, kommt vielleicht ein Hightech-Produkt in Frage: ein Zungenschrittmacher.

„Der wird im Brustbereich implantiert und er aktiviert – wann immer nötig – über ein Kabel den Zungennerv“, sagt Jörg Lindemann (45), Leiter des Schlaflabors der Uniklinik Ulm. „Die Zunge schiebt sich vor, der Atemweg wird frei und der Patient kann durchschlafen.“

Ein Allheilmittel sei der teure Zungennerv-Antreiber jedoch nicht. „Er eignet sich aus medizinischer Sicht nur für sehr wenige Patienten“, so Lindemann. Millionen andere suchen weiter Hilfe - und es werden immer mehr.

Zehn Dinge, die uns den Schlaf rauben
Handynutzung in der Freizeit
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Trennung von Arbeit und Freizeit: Abends noch schnell E-Mails für die Arbeit beantworten oder selbst im Urlaub ständig erreichbar sein: Die technischen Möglichkeiten, auch außerhalb des Büros zu arbeiten, lassen die Grenzen von Arbeit und Freizeit verschwimmen. Das hindert daran, den Kopf frei zu bekommen und entspannt einschlummern zu können.

Cybermobbing
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Aktivierung statt Entspannung beim Internet-Surfen: PCs und Smartphones verändern unser Freizeitverhalten: Statt vor dem Einschlafen ein Buch zu lesen oder Fernzusehen – und dabei passiv Informationen aufzunehmen – surfen Menschen zunehmend im Internet. Doch beim Online-Shopping, E-Mail-Verkehr, Facebook-Chats oder Online-Spielen  muss das Gehirn sehr viele Informationen verarbeiten. Dabei wird es eher aktiviert als auf den Schlaf vorbereitet zu werden.

Es kann helfen, die Hintergrund-Beleuchtung der Displays zu dimmen, um sich auf die anstehende Nachtruhe einzustellen. Außerdem sollte nicht im Schlafzimmer gesurft werden, um den Raum gedanklich nicht mit Aktivität in Verbindung zu bringen. Eine Stunde vor dem Schlafengehen sollte man komplett auf PCs, Smartphones und Co. verzichten.

Frauenquote
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Zu viel Stress: Stressige Lebensphasen wühlen den Körper auf, und machen es nachts schwieriger, einzuschlafen. Um so wichtiger ist es, für Entspannung zu sorgen.

Gesellschaft der Angst
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Die Angst vor Schlafstörungen verstärkt sie nur: Je mehr man sich Gedanken um die Schlafstörungen macht, desto stärker fördert man sie. So wird die Angst zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Da man denkt, in der Nacht nicht einschlafen zu können, stellt sich der Körper auf diesen Zustand ein – und man bekommt tatsächlich kein Auge zu.

Geldstrafe für Paar wegen zu lautem Sex
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Unruhiger Schlaf kann zur Gewohnheit werden: Wenn Menschen lange Zeit einen unruhigen Schlaf haben, etwa weil sie gerade ein Kind bekommen haben, wird dieser Zustand für den Körper irgendwann zur Gewohnheit. So können Menschen auch Jahre nachdem ihr Baby das letzte mal nach der Flasche geschrien hat, immer noch unruhig schlafen. Dagegen kann eine Verhaltenstherapie helfen.

Milch weitgehend frei von verbotenen Stoffen
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Es fehlt ein Einschlafritual: Menschen sollen über ihre Schlafprobleme nicht grübeln, sondern ihr Verhalten ändern. Ein Einschlafritual kann helfen. So stellt etwa die obligatorische Tasse Tee oder Milch den Körper darauf ein, dass nun Schlafenszeit ist.

Vollmond
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Innere Uhr passt nicht mit den Tageszeiten zusammen: Manche Menschen können einfach nicht vor drei Uhr morgens einschlafen, weil sie Nachteulen sind. Bei ihnen passt die innere Uhr nicht mit dem regulären Tag-Nacht-Rhythmus zusammen. Die Schlafstörungen, die dadurch entstehen, kennen Menschen ohne dieses Problem, etwa bei einem Jetlag oder während Schichtarbeit. Der Besuch bei einem Arzt kann helfen, gegen diese Schlaf-Wach-Rhythmus-Störungen zu arbeiten.

„Schlafstörungen sind in unserer modernen Industriegesellschaft auf dem Vormarsch“, warnt die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) – und verweist auf eine Studie der Krankenkasse DAK: Demnach haben seit 2010 Schlafstörungen bei Berufstätigen im Alter zwischen 35 und 65 Jahren um 66 Prozent zugenommen. Vier von fünf Arbeitnehmern fühlen sich derzeit betroffen.

Zu den Folgen gehört der Sekundenschlaf am Steuer. „Schläfrigkeit stellt eine häufigere tödliche Unfallursache im Straßenverkehr dar als das Fahren unter Alkohol“, sagt DGSM-Vorstandsmitglied Hans-Günter Weeß vom Interdisziplinären Schlafzentrum in Klingenmünster (Rheinland-Pfalz).

Schlafstörungen kosten 60 Milliarden Euro

Beinahe die Hälfte der Erwerbstätigen ist laut DAK-Studie bei der Arbeit müde, knapp ein Drittel gar erschöpft. Die Kosten des Produktionsausfalls durch Fehltage wegen Schlafstörungen berechnete die US-Denkfabrik Rand Corporation 2016 für die deutsche Wirtschaft mit 60 Milliarden Euro.

Dem Problem beizukommen sei schwierig, sagt Jörg Lindemann vom Ulmer Schlaflabor – einem von inzwischen mehr als 300 in Deutschland. Die Ursachen seien vielfältig und im Zuge der Digitalisierung kämen neue hinzu. Einigen Menschen könne zwar durch operative Erweiterungen der Atemwege geholfen werden, etwa die Entfernung der Gaumenmandeln. „Doch oft geht es bei Schlaflosigkeit um selbst gemachte Probleme aus der Gesellschaft heraus.“

Nur eines von vielen sei, dass Menschen sich zu lange dem Monitorlicht am PC, Tablet oder Smartphone aussetzen. „Wenn der Körper keine Dunkelheit verspürt, wird die Ausschüttung des Hormons Melatonin vermindert, das wichtig ist für das Einschlafen“, sagt Lindemann.

Besonders bei Jugendlichen beklagen Experten einen „quasi willentlichen Schlafentzug mittels Handy“: Laut DGSM zeigen Studien, dass 45 Prozent der 11- bis 18-Jährigen ihr Smartphone auch noch im Bett checken, davon 23 Prozent mehr als zehn Mal pro Nacht.

Schlaf ist das neue Statussymbol
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