Sehen mit der Zunge
Wie Hightech-Brillen Blinden helfen

Neue Hightech-Brillen sollen Blinde wieder sehen lassen. Erste Prototypen sind vielversprechend. Wie die Geräte funktionieren, was sie leisten können - und wie auch die Zunge bei fehlendem Augenlicht helfen kann.
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DüsseldorfHannah Thompson liebt französischen Käse. Doch der Gang zur Fromagerie am wuseligen Covered Market in Oxford frustriert die Britin. Auf dem Weg lauern Hürden wie Mülltonnen, Haltestellen oder Passanten. An der Käsetheke kann sie die Preisschilder nicht lesen oder auf welche Sorte der Verkäufer gerade deutet. Denn Hannah Thompson ist blind.

Doch als sie eine Brille aufsetzte, die Forscher der Universität Oxford unter der Leitung des Neurowissenschaftlers Stephen Hicks entwickelt haben, konnte sie plötzlich sehen. Sie war zwar immer noch blind, erkannte aber die zylindrische Form ihres Lieblingsziegenkäses, einem Crottin de Chavignol. „Es lagen gleich drei Stück in der Käsetheke“, schreibt sie auf ihrem Blog.

Mit den SmartSpecs auf der Nase konnte sie dem Käsehändler sogar zeigen, von welcher Sorte er mehr absäbeln durfte. Auch das Wechselgeld aus dem Portemonnaie zu fischen, fiel ihr leicht. Nur wiederwillig gab sie die Brille nach dem Test zurück.

Die Grenzen der Technik

In den SmartSpecs sind 3D-Kameras verbaut, die ursprünglich für die Spielkonsole Xbox entwickelt wurden. Sie stellen Objekte in der Nähe, wie den Käse, scharf und verdunkeln den Hintergrund. So entsteht ein starker Kontrast. Weiß auf schwarz erscheinen nun, für den Blinden zuvor unsichtbar, Schränke, Menschen, Stühle oder Käsestücke auf der Innenseite der Brillengläser.

Hannah Thompsons Testlauf liegt ein Jahr zurück. Inzwischen zeigen die Smartspecs Objekte genauer.

Einen Wermutstropfen gibt es: Nicht jedem werden die SmartSpecs nutzen, wenn sie wie geplant 2016 auf den Markt kommen. Es braucht einen kleinen Rest an Sehkraft, da die Brille mit Lichtkontrasten arbeitet.

Schätzungen zufolge nehmen 90 Prozent der Blinden Licht aber in geringem Maße wahr. Sie könnten mit der Brille ihren Alltag einfacher meistern und gesellschaftlicher Isolation entfliehen, glaubt SmartSpecs-Entwickler Hicks.

Mit seiner Einschätzung ist der Forscher nicht allein. Das Projekt hat 2014 die mit umgerechnet 718.000 Euro dotierte Google Impact Challenge gewonnen. Mit dem Geld arbeiten Hicks und sein Team weiter an den Prototypen. Er schätzt, dass die smarte Brille nach der Testphase so viel kosten wird, wie ein hochwertiges Smartphone. Aber nicht mehr als 300 Pfund, also etwa 430 Euro.

Dafür schrauben die Forscher aber noch am Design. Denn bislang sieht die Hightech-Hilfe aus wie eine überdimensionierte Lesebrille von Commander Laforge aus Star Trek.

Auch andere Unternehmen versuchen sich an High-Tech-Lösungen für Blinde. Kurios klingt, was die US-amerikanische Arzneimittelzulassungsbehörde (FDA) gerade auf den heimischen Markt gelassen hat: Eine Technologie, die es erlaubt, mit der Zunge zu sehen. Das verheißt zumindest die Firma Wicab Inc. aus dem US-Staat Wisconsin mit ihrem „BrainPort V100“. Auch in dieser Brille steckt eine Kamera. Doch das System funktioniert anders.

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