Sepsis
Wenn die Körperabwehr Amok läuft

Eine Sepsis ist ebenso gefürchtet wie rätselhaft: Aus bislang unbekannten Gründen entfesselt eine Infektion eine rigorose, lebensgefährliche Reaktion des Immunsystems. 50 000 Menschen sterben in Deutschland jedes Jahr an dieser auch als „Blutvergiftung“ bekannten Krankheit. Jetzt gibt es Hoffnung auf eine bessere Therapie.
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WASHINGTON/BERLIN. Am Anfang schien alles ganz harmlos: An jenem Sommertag gönnte sich Linda Haltman nach einer Partie Tennis und einer Runde Schwimmen ein kurzes Nickerchen. Beim Aufwachen fühlte sich die 49-jährige Frau aus New York auffällig schlapp. Dass sie da schon auf eine Sepsis zusteuerte, ahnte zunächst niemand.

Aber ihr Mann erschrak beim Blick auf das Messgerät: Ihr Blutdruck war auf 70 zu 50 abgesackt. Schleunigst brachte er sie ins nächste Krankenhaus. „Ich sagte noch zu meiner Tochter: ‚Wir fahren nur kurz in die Ambulanz, ich bin gleich wieder zurück'“, erzählt die Frau später. „Das ist das Letzte, woran ich mich für die nächsten 13 Tage erinnere.“

Eine Sepsis ist ebenso gefürchtet wie rätselhaft: Aus bislang unbekannten Gründen entfesselt eine Infektion eine rigorose, lebensgefährliche Reaktion des Immunsystems. In Deutschland erleiden jährlich rund 150 000 Menschen eine solche „Blutvergiftung“, jeder dritte Patient stirbt. Ein weltweites Aktionsbündnis will nun die Bekämpfung der mysteriösen Immunreaktion fördern.

Gerade die ersten Warnsignale müssten möglichst früh erkannt werden, fordert James O’Brien von der Ohio State Universität. „Jede Minute zählt“, sagt der Intensivmediziner. Viel zu oft würden Ärzte Hinweise nicht ernst nehmen. Denn wenn die Körperabwehr erst einmal Amok läuft, kann sie nicht nur Gewebe schädigen, sondern einen Schock auslösen und binnen Stunden lebenswichtige Organe lähmen.

Dafür muss sich die Infektion nicht einmal im Körper ausbreiten, wie Sepsis-Experte Kevin Tracey vom Feinstein Institut für medizinische Forschung in New York betont. „Selbst wenn man dann die Erreger eliminieren kann, eskaliert die Krise weiter“, betont der Mitinitiator der gerade gegründeten Globalen Sepsis Allianz.

Die ersten Hinweise auf die gefährliche Entwicklung sind eher diffus: Der Patient ist wirr, er atmet schnellt, der Puls rast, der Blutdruck sinkt. Schon beim leisesten Verdacht sollten Ärzte Antibiotika geben und Infusionen anlegen, um den drohenden Schock abzuwenden. Zeit ist kostbar: Mit jeder Stunde sinkt die Überlebenschance um rund acht Prozent. Dennoch verstreichen in vielen Krankenhäusern vier bis sechs Stunden, ehe Ärzte den Ernst der Lage erkennen und reagieren.

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