Therapie per Videochat

Online aus der Depression

Der Markt für Online-Therapien boomt. Nun bietet ein neues Programm die Möglichkeit, sich etwa bei Depressionen von seinem Therapeuten per Videochat behandeln zu lassen. Helfen solche Angebote wirklich?
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Der Markt für Online-Therapien boomt. Quelle: dpa
Volkskrankheit Depression

Der Markt für Online-Therapien boomt.

(Foto: dpa)

Prien am ChiemseeDas erste Tief hat Martin Schulze-Vorberg kurz nach der Jahrtausendwende. Damals ist er 43 Jahre alt und Pressesprecher eines Internetanbieters in München. Er fühlt sich nicht gut, kann nicht mehr ans Telefon gehen, nicht mehr aufstehen, hat Angstzustände.

„Ich war einfach vollkommen neben mir“, sagt er heute. Nach ein paar zermürbenden Wochen geht er schließlich zum Therapeuten. Die Diagnose: Depression. Er lässt sich stationär behandeln, drei Monate später geht es ihm wieder gut – auch dank Medikamenten, wie er sagt.

Das zweite Tief hat Schulze-Vorberg Mitte vergangenen Jahres. Er kümmert sich gerade auf einer Karibikinsel um ein Immobilienprojekt. „Ich habe gemerkt, wie ich trotz der Medikamente wieder in die Depression reingeschlittert bin“, sagt der 60-Jährige, der in Regensburg zu Hause ist. „Das war eine ganz blöde Situation.“

Wie depressiv sind die Deutschen?
Volkskrankheit Depression
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Kranke Seele: Immer mehr Menschen werden wegen psychischer Probleme krankgeschrieben. Das ist das Ergebnis des am Dienstag in Berlin veröffentlichten DAK-Psychoreports, für den das Berliner IGES Institut die Daten zur Arbeitsunfähigkeit von rund 2,6 Millionen berufstätigen DAK-Versicherten analysiert hat.

Wie viele Deutsche sind betroffen?
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Im vergangenen Jahr war hierzulande jeder 20. Arbeitnehmer wegen eines psychischen Leidens krankgeschrieben. Ausgehend von den Daten der Versicherten sind laut DAK-Psychoreport hochgerechnet 1,9 Millionen Berufstätige betroffen. Seit 1997 hat sich die Zahl der Fehltage wegen derartiger Diagnosen demnach verdreifacht. Die meisten Arbeitnehmer fehlten wegen Depressionen.

Nehmen Depressionen und anderes psychische Leiden tatsächlich zu?
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Nach Einschätzung von Experten werden seelische Leiden lediglich besser erkannt. Dazu passt, dass psychische Erkrankungen dem Report zufolge 2014 zwar mehr Ausfalltage als in den Vorjahren verursachten, Arbeitnehmer aber zugleich seltener wegen anderer Krankheiten fehlten.

„Es gibt heute nicht mehr psychisch kranke Menschen als vor zehn oder zwanzig Jahren“, sagt Hans-Peter Unger vom Zentrum für seelische Gesundheit der Asklepios Klinik Hamburg-Harburg. „Sie werden aber besser diagnostiziert und weniger stigmatisiert.“

Psychische Erkrankungen
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Der Vizepräsident des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP), Michael Ziegelmayer, sieht auch ein Statistikproblem: „Die Krankenkassen zählen die Fälle und nicht die Personen.“ Wiederkehrende Erkrankungen bei einem Patienten würden so möglicherweise mehrmals erfasst.

Wer ist besonders betroffen?
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Ältere Menschen und Frauen. Zumindest ist die Zahl der Fehltage wegen Seelenleiden höher je älter die Berufstätigen sind. Auf 100 weibliche DAK-Versicherte, die über 60 Jahre alt waren, entfielen zuletzt 435 Ausfalltage - bei Männern waren es lediglich 293. Bei der jüngsten Gruppe der 15- bis 19-Jährigen waren es 115 Tage bei Frauen und 57 bei Männern.

Anfälliger für Depressionen oder Angststörungen ist das weibliche Geschlecht allerdings nicht unbedingt: „Es ist bei Männern heute immer noch nicht selbstverständlich, sich einzugestehen, dass man ein Problem im psychischen Bereich hat“, erklärt BDP-Vize Ziegelmayer.

Welchen Einfluss hat der Wohnort?
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„Der Stresspegel ist in Großstädten höher“, sagt Fachmann Unger. „Außerdem ist in der städtischen Community das Gesundheitsbewusstsein größer.“ Psychische Probleme würden so schneller erkannt.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch die Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS) vom Robert Koch-Institut. Demnach hat die Wohnortgröße Einfluss auf die Häufigkeit von depressiven Symptomen: In kleinstädtischen Orten waren die wenigsten betroffen.

In welchen Branchen sind psychische Erkrankungen besonders häufig?
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Die meisten Seelenleiden werden im Gesundheitswesen diagnostiziert, die wenigsten im Baugewerbe. „Das hat mit der Art der Belastung zu tun“, erklärt Psychologe Ziegelmayer. Sie sei auf dem Bau in der Regel körperlich - in der Gesundheitsbranche psychisch. Und: „Die Arbeitsbedingungen in der Pflege werden eher schlechter als besser.“

Denn auf der kleinen Insel habe er keine therapeutische Hilfe finden können. „Das hat die Situation ziemlich verschlechtert.“ Zurück in Deutschland absolviert er nicht nur eine weitere stationäre Therapie, sondern lässt sich auch auf ein Experiment ein: MindDoc.

Der Immobilien-Manager ist einer von rund 300 Probanden des Online-Therapieangebots der Schön Klinik, einer privaten Klinikgruppe mit 23 Standorten in Deutschland und Großbritannien. Seit Anfang Dezember ist die Therapie-Plattform im Internet abrufbar. Mit der Anwendung können sich Patienten mit Depressionen, Essstörungen oder Burnout per Videochat und Textnachrichten von zu Hause aus behandeln lassen, wie MindDoc-Chef Bernhard Backes erklärt. Begleitend dazu bekommen sie verhaltenstherapeutische Übungen gestellt.

Auch Schulze-Vorberg nimmt von seinem Wohnzimmer – „oder von jedem anderen Ort auf der Welt“ – aus an Videositzungen mit seinem Therapeuten teil. Mit seinem Laptop loggt er sich über eine verschlüsselte Leitung ein, 50 Minuten dauert das Gespräch. „Es fühlt sich wie eine normale Sitzung an“, sagt er, „gar nicht unpersönlich.“ Man müsse einfach bereit sein, mitzuarbeiten.

Das Risiko einer Fehleinschätzung sei bei einer Videotherapie vergleichbar mit dem bei einer Therapie von Angesicht zu Angesicht, erklärt Iris Hauth, Mitglied im Präsidium der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). „Hauptsache, die Grundlage der Psychotherapie ist eine sorgfältige Diagnostik vor Ort.“ Wichtig sei auch, dass es eine Möglichkeit gebe, auf Krisen zu reagieren – und, „dass durch die Verschlüsselung der Datenschutz sichergestellt ist“.

Ersatz oder Ergänzung?

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Journalisten und Autoren

Die Studie der medizinischen Universität von Cincinnati beinhaltet Daten von etwa 215.000 erwerbstätigen Erwachsenen im US-Bundesstaat Pennsylvania. Die Forscher um den Psychiater Lawson Wulsin interessierte vor allem, in welchen Jobs Depressionen überdurchschnittlich oft auftreten und welche Arbeitskriterien dafür verantwortlich sind. Den Anfang der Top-10-Depressions-Jobs macht die Branche der Journalisten, Autoren und Verleger. Laut der Studie sollen hier etwa 12,4 Prozent der Berufstätigen mit Depressionen zu kämpfen haben.

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Händler

Der Begriff „Depression“ ist in der Studie klar definiert. Als depressiv zählt, wer mindestens zwei Mal während des Untersuchungszeitraums (2001 bis 2005) krankheitsspezifische, medizinische Hilferufe aufgrund von „größeren depressiven Störungen“ gebraucht hat. Händler aller Art, sowohl für Waren- als auch für Wertpapiere, gelten demnach ebenfalls als überdurchschnittlich depressiv. Platz neun: 12,6 Prozent.

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Parteien, Vereine & Co.

Neben den Hilferufen nach medizinischer Fürsorge flossen noch andere Daten in die Studie ein. Die Forscher beachteten außerdem Informationen wie Alter, Geschlecht, persönliche Gesundheitsvorsorge-Kosten oder körperliche Anstrengung bei der Arbeit. Angestellte in „Membership Organisations“, also beispielsweise politischen Parteien, Gewerkschaften oder Vereinen, belegen mit über 13 Prozent den achten Platz im Stress-Ranking.

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Umweltschutz

Der Kampf für die Umwelt und gegen Lärm, Verschmutzung und Urbanisierung ist oft nicht nur frustrierend, sondern auch stressig. Knapp 13,2 Prozent der beschäftigten Erwachsenen in dem Sektor gelten laut den Kriterien der Forscher als depressiv. In den USA betrifft das vor allem Beamte, denn die Hauptakteure im Umweltschutz sind staatliche Organisationen und Kommissionen.

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Juristen

Als mindestens genauso gefährdet gelten Juristen. Von insgesamt 55 untersuchten Gewerben belegten Anwälte und Rechtsberater den sechsten Platz im Top-Stress-Ranking: Rund 13,3 Prozent der Juristen in Pennsylvania gelten für die Forscher der medizinischen Universität Cincinnati depressiv.

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Personaldienstleister

Auf Rang fünf liegen Mitarbeiter im Dienstleistungsbereich . Deren „Ressource“ ist der Mensch – und der ist anfällig: Denn der „Personal Service“ in Pennsylvania hat nach Lawson Wulsin und Co. eine Depressionsrate von knapp über 14 Prozent. Und nicht nur Kopf und Psyche sind von der Krankheit betroffen, sondern offenbar auch der Körper: Schon seit Jahren forscht Wulsin auf diesem Gebiet und geht von einer engen Verbindung von Depression und Herzkrankheiten aus. Gefährdeter als Menschen aus dem Dienstleistungsbereich sind nur vier andere Jobgruppen.

Im Allgemeinen werde zwischen begleiteten und unbegleiteten Angeboten im Internet unterschieden, „die Begleitung über Video-Chat ist nur eine Form“, sagt Hauth. Die Wirksamkeit von Online-Therapien sei mehrfach in Studien nachgewiesen worden. „Die Wirksamkeitsnachweise liegen sowohl für unbegleitete als auch für von Therapeuten begleitete Anwendungen vor.“ Vor allem Programme für Depressionen und Angsterkrankungen seien bislang untersucht worden. Manche Krankenkassen übernehmen auch die Kosten dafür.

Der größte Vorteil solch einer Behandlung sei die Zugänglichkeit. „Wenn der nächste Therapeut zu weit entfernt ist, dann ist das einfach für die meisten Menschen nicht machbar“, sagt Hauth. Gerade im ländlichen Raum sei eine Online-Therapie eine gute Ergänzung. Patienten, die einen Großteil ihrer Zeit im Ausland verbringen – wie Martin Schulze-Vorberg – profitierten ebenfalls von der Flexibilität.

MindDoc ist nicht die erste Therapie-Plattform im Netz. Bereits vor rund zwei Jahren ging zum Beispiel „Selfapy“ an den Start – ein Programm, das von Psychologen entwickelt wurde. Auch hier können sich Patienten via Webcam und Chat mit ihren Therapeuten vom Wohnzimmer aus unterhalten, auch hier gibt es Übungen. „Rund 40 Prozent unserer Patienten verzichten aber auf die Videofunktion, sie telefonieren lieber und bleiben anonym“, erklärt Selfapy-Mitgründerin Farina Schurzfeld.

Mehr als 4000 Menschen hätten das Programm schon durchlaufen, rund 20 Psychologen seien für die Plattform im Einsatz. Der Unterschied zu MindDoc? Selfapy sieht sich als Ergänzung zu einer ambulanten Psychotherapie. Das Programm der Schön Klinik dagegen ist den Machern zufolge einer Therapie gleichgestellt. Das mache MindDoc einzigartig in Deutschland, sagt Backes. Einen Zugang gibt es erst nach einem persönlichen Diagnosegespräch an einem der Klinikstandorte.

Die beiden Anwendungen haben auch einiges gemeinsam: Menschen aus der Krise helfen und dabei lange Wartezeiten auf einen Therapieplatz überbrücken. Laut DGPPN kann es in Deutschland sechs Monate dauern, bis man einen Platz bekommt.

Die Deutsche Psychotherapeuten Vereinigung (DPtV) sieht solche Ambitionen kritisch. „Es ist nicht die Aufgabe von Online-Plattformen, sondern der Politik, das Problem mit der Wartezeit zu lösen“, sagt die stellvertretende Bundesvorsitzende der DPtV, Kerstin Sude. Bei den Angeboten im Netz fehle außerdem eine gesetzliche Grundlage.

Denkbar wäre aus Sicht der DPtV, dass Online-Programme als verschreibungspflichtige Hilfsmittel eingesetzt werden. „Dort, wo die Wirksamkeit nachgewiesen wurde, da sehen wir gute Ergänzungschancen, aber keinen Ersatz.“

  • dpa
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