Transplantationsverfahren bewahren Freizeitsportler mit schweren Knorpelschäden vor der Arthrose
Körpereigene Zellen reparieren das Knie

Das Knie ist bei Sportverletzungen am häufigsten betroffen: Jeder dritte verletzte Aktive hat dort Blessuren, schätzt Sportmediziner Klaus Steinbrück aus Stuttgart. Häufig sind es schon Mittzwanziger, die heute mit riskanten Funsportarten zu Frühinvaliden werden. „Immer mehr junge Leute kommen mit Gelenkschäden zu uns, die sie sich beim Snowboarden, Downhill-Radfahren oder Inline-Skaten zugezogen haben“, sagt Ulrich Schneider, Oberarzt an der Uniklinik Aachen.

KÖLN. Schneider hat für solche Patienten eine schlechte und eine gute Nachricht. Die schlechte kann jeder Orthopäde runterbeten: Die elastischen Gelenkknorpel, die wie Puffer zwischen Oberschenkel- und Unterschenkelknochen wirken, haben nicht die Fähigkeit, sich nachzubilden. Sind sie verschlissen, kommt es letztlich zum Aufeinanderreiben der Knochen – der schmerzhaften Arthrose. Im Endstadium hilft nur noch eine Knie-Prothese.

Die gute Nachricht: Mit neuen Operationsmethoden lässt sich dieser Prozess hinauszögern. Biotechnische Fortschritte ermöglichen eine Anzüchtung entnommener körpereigener Knorpelzellen (Chondrozyten). Mit denen werden in einer späteren Operation die Krater im Knieknorpel gefüllt. Rund 8 000 Patienten wurden bisher weltweit mit diesem Verfahren, der Autologen Chondrozyten Transplantation (ACT) operiert. Auch wenn erst ein Zehn-Jahres-Rückblick möglich ist, sind die Ergebnisse in 70 bis 90 Prozent der Fälle gut oder sehr gut.

Das Aachener Team um Oberarzt Schneider erprobt nun seit anderthalb Jahren die Reparatur der Knorpelzellen in einer abgewandelten Form: „Wir kultivieren die entnommenen Zellen in einem Kollagen-Gel, das von der Konsistenz her der Götterspeise ähnelt.“ Knapp zwei Wochen später ist eine dreidimensionale Matrix herangereift – relativ druck- und formstabil. Als Knorpelersatzmaterial wird sie in einen minimal-invasiven Eingriff im Knie platziert. Dieses Verfahren, das das Esslinger Biotech-Unternehmen Ars Arthro AG als Cartilage Regeneration System (Cares) patentiert hat, sei noch erfolgversprechender als eine herkömmliche ACT, erklärt Schneider. „Je schneller das Transplantat ins Knie kommt, desto besser. Das Gelenk ist für die Zellen der beste Bioreaktor – da kann kein Brutschrank mithalten.“

Bei der ACT werden die Zellen vier bis sechs Wochen außerhalb des Knies kultiviert – dreimal länger als bei Cares. Diese Verzögerung wirke negativ auf die zellbiologischen Eigenschaften, sagt Schneider. Auch die Operation selbst sei beim neuen Cares-Verfahren kürzer und schonender, da die Ärzte die Matrix nahtlos mit einem Fibrinkleber befestigen. Bei einer konventionellen ACT wird der Defekt erst mit einem eingenähten Knochenhautlappen abgedeckt, unter den dann die Ersatzzellen gespritzt werden – ein Verfahren, das nur am offenen Knie gelingt. „Die neue Form der Zellkultivierung bietet ungeahnte Möglichkeiten für die Heilung von Knorpeldefekten“, sagt Schneider. Rund 50 Patienten haben die Aachener mit dem Cares-Verfahren operiert. „Unsere Ein-Jahres-Vergleiche fielen besser aus als bei ACT-Patienten. Ich bin sehr zuversichtlich auch für die Langzeitergebnisse.“

Andere Knie-Experten wie Peter Schäferhoff, leitender Orthopäde der Mediapark-Klinik in Köln, sind zurückhaltender: „Der wahre Kern der Knorpeldegeneration ist noch nicht umfassend erforscht.“ Bei jüngeren Patienten, die noch sportlich aktiv sein wollen, setzt Schäferhoff eher auf Knorpel-Knochen-Transplantationen (Osteochondral Autograft Transfer System, OATS). Dabei werden Knochen-Zylinder samt gesundem Knorpel an unbelasteten Stellen aus dem Knie herausgestanzt und an die abgenutzten Partien umgesetzt. Der Vorteil: „Man flickt den Defekt mit originärem, hochwertigen Knorpel.“ Dieses dübelartige Verfahren nutzt Schäferhoff bei Schadstellen, die bis zu zwei Zentimeter Durchmesser haben. Bei größeren Defekten komme die ACT zur Anwendung.

Auch wenn der defekte Knorpel am Knie erfolgreich ersetzt werden konnte, mit dem uneingeschränkten Sport ist es nach der Operation endgültig vorbei. „Die neuen Transplantationsverfahren bieten zwar Riesenfortschritte. Aber eine vollständige Regeneration des Knieknorpels gelingt mit ihnen nicht. Es bleibt immer ein Restschaden zurück“, sagt Martin Engelhardt, der als Chef-Orthopäde, das deutsche Olympia- Team in Athen betreut hat. Selbst bei Übungen im Kraftstudio sollten sich Betroffene dann künftig betraten lassen. „Je nach dem wo der Knopeldefekt sitzt, sind bestimmte Übungen äußerst schädlich“, warnt Engelhard.

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