Tüv-Zertifikat soll Patienten bei der Wahl des Krankenhauses helfen
Ärzte fordern die schmerzfreie Klinik

Der Kölner Mediziner Edmund Neugebauer will mit dem Tüv Rheinland die Schmerzbehandlung in deutschen Krankenhäusern verbessern. Kliniken, die sich um eine schmerzfreie Behandlung bemühen, sollen mit einem speziellen Tüv-Zertifikat werben dürfen.

KÖLN. „Nach Operationen machen 40 bis 50 Prozent der Patienten noch sehr schmerzhafte Erfahrungen – das ist völlig unnötig“, sagt Edmund Neugebauer, Leiter des Instituts für Forschung in der operativen Medizin. Die schmerzfreie Klinik könne schon bald Realität sein, glaubt Neugebauer, der jüngst an der Universität Witten/Herdecke den Lehrstuhl für Chirurgische Forschung übernommen hat.

„Die Hälfte der Kliniken hat kein klares Konzept zur Schmerztherapie“, sagt Neugebauer mit Blick auf aktuelle Untersuchungen. Jede zweite Klinik therapiere akute Schmerzen erst nach Klagen des Patienten. Durch Missmanagement der Klinikabläufe vergehe bis vom Klingeln nach der Schwester bis zur Wirkung der Medikamente oft eine „Stunde der Qual“.

Neugebauers Kritik geht ins Mark: „Wichtige Methoden der Schmerzmessung und Therapie sind in deutschen Kliniken nicht bekannt oder werden nicht angewendet.“ Der Patient im Mittelpunkt? „Im heutigen Klinikalltag sind das oft leere Worthülsen“, wettert der Professor. Neugebauer warnt vor gravierenden medizinischen Folgen: „Eine inadäquate Behandlung der akuten Schmerzen nach einer Operation ist der Einstieg in eine chronische Schmerzkarriere – und sie erhöht die Sterblichkeitsrate.“ Mit seinen provokativen Thesen wolle er aufrütteln zum Wohl des Patienten, sagt Neugebauer.

Und er steht nicht allein: Als Initiator eines Schmerzkongresses versammelte er in der vergangenen Woche rund 500 Experten in Köln, die sich mit den Möglichkeiten der Schmerzlinderung befassten. Auch Hersteller von entsprechenden Medikamenten wie Pfizer, Janssen Cilag oder Grünenthal fehlten nicht. „Es geht nicht darum, den frisch operierten Patienten mit Opiaten abzuschießen“, stellt Neugebauer klar. „Sondern durch verbesserte Klinikabläufe den Arzt so zu entlasten, dass er sich wieder intensiver um den Patient kümmern kann.“

Um die Vielzahl vorhandener Schmerztherapien klinikübergreifend vergleichbar zu machen, entwickelt die Universitätsklinik Jena derzeit eine IT-gestützte Methode. Ausgangspunkt bleibt das subjektive Schmerzempfinden eines Patienten. Diese Rückmeldungen, die während der Behandlung per Fragebogen erfasst werden, machen die Jenaer Forscher online vergleichbar: „Die Krankenhäuser können die Qualität ihrer Bemühungen so besser einordnen und weiter ausbauen“, sagt Projektleiter Winfried Meißner.

Auch Hartwig Bauer, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, hält das Thema für „eine Riesenbaustelle“. Bestehende Verfahren zur Schmerzlinderung würden oft nicht ausgeschöpft, weil überlasteten Ärzten und Pflegekräften die Zeit zur Nachsorge nach Eingriffen fehle. „Persönliche Zuwendung ist aber essenziell für eine adäquate Schmerztherapie.“ Es sei verkehrt, immer modernere OP-Methoden zu nutzen, aber den Schmerz als notwendiges Übel hinzunehmen. Die Frage, wie gut eine Klinik ihren Patienten Schmerzen erspart, werde zu einem gewaltigen Argument im Wettbewerb der Krankenhäuser. „Weniger Schmerzen rechnen sich auch für die Klinik“, sagt Bauer. Schließlich könnten die Patienten so „rascher mobilisiert“ und entlassen werden. Eine Verkürzung der Verweildauer ist ein ökonomischer Erfolgsfaktor. Schließlich geht im gültigen Entgeltsystem der Fallpauschalen jeder Liegetag zu Lasten der Klinik-Effizienz.

Auf wirtschaftliche Anreize setzt auch Neugebauer: „Eine gute Akutschmerztherapie steigert die Patientenzufriedenheit und das Ansehen des Hauses.“ Dass das Audit die Bürokratie für Ärzte nur noch verstärke, verneint Neugebauer. In der städtischen Klinik Köln-Merheim und im Klinikum Kassel treibt er beispielhaft entsprechende Zertifizierungen durch den Tüv Rheinland voran. „Im kommenden Jahr wird die erste Klinik damit werben“, ist er sicher. Die entsprechenden Voraudits laufen nach Angabe des Tüv.

Das neue Tüv-Zertifikat „Qualitätsmanagement Schmerztherapie“ soll für drei Jahre gültig sein. „Wir schauen uns die Prozesse in der Klinik an und überprüfen, ob die Abläufe den Leitlinien entsprechen“, sagt Tüv-Auditorin Birgit Kuhlen-Janßens. Für eine Klinik mit fünf Abteilungen und 60 Mitarbeitern koste das Zertifikat 5.500 Euro.

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