Unwissenheit über Krankheit Schokolade gegen Depressionen?

Jeder Fünfte in Deutschland glaubt, Schokolade sei ein geeignetes Mittel gegen Depression. Wie groß der Informationsbedarf über die Krankheit immer noch ist, zeigen jetzt die überraschenden Ergebnisse einer Umfrage.
Update: 28.11.2017 - 13:35 Uhr Kommentieren
Bei vielen Fällen geht die Stiftung Deutsche Depressionshilfe von einer schweren und unbehandelten Depression als Ursache aus. Quelle: dpa
Depression

Bei vielen Fällen geht die Stiftung Deutsche Depressionshilfe von einer schweren und unbehandelten Depression als Ursache aus.

(Foto: dpa)

BerlinIn Deutschland gibt es mit Blick auf die Krankheit Depression große Wissenslücken. So findet nach einer repräsentativen Umfrage fast jeder Fünfte, dass sich Betroffene zusammenreißen sollten, heißt es im „Deutschland-Barometer Depression“, das die Stiftung Deutsche Depressionshilfe und die Stiftung Deutsche Bahn am Dienstag in Berlin vorstellten. Ein weiteres knappes Fünftel hält Schokolade für ein geeignetes Hilfsmittel gegen Depressionen. Mehr als 90 Prozent der Befragten glaubten, dass Depressionen durch Schicksalsschläge und Stress verursacht werden. Dabei habe die Krankheit immer auch biologische Ursachen, betonte Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe.

Für die Studie wurden von Juni bis August 2000 Menschen zwischen 18 und 69 Jahren befragt. Fast ein Viertel (23 Prozent) gab an, dass bei ihnen bereits einmal die Diagnose Depression gestellt worden sei. Mehr als ein Drittel (37 Prozent) weiß um Diagnosen bei Angehörigen oder Freunden. Ein weiteres gutes Drittel (37 Prozent) hatte noch nichts mit der Krankheit zu tun. Ergänzt wurden die Ergebnisse durch eine Online-Umfrage unter rund 1000 Betroffenen.

Diese Berufe machen depressiv
Stress und Burnout
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Montagsblues

Besonders montags fällt es uns schwer, etwas positives am Arbeiten zu finden. Laut einer amerikanischen Studie dauert es im Durchschnitt zwei Stunden und 16 Minuten, bis wir wieder im Arbeitsalltag angekommen sind. Bei Menschen ab dem 45. Lebensjahr dauert es sogar noch zwölf Minuten länger. Doch es gibt nicht nur den Montagsblues: Manche Berufsgruppen laufen besonders stark Gefahr, an einer echten Depression zu erkranken...

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Journalisten und Autoren

Die Studie der medizinischen Universität von Cincinnati beinhaltet Daten von etwa 215.000 erwerbstätigen Erwachsenen im US-Bundesstaat Pennsylvania. Die Forscher um den Psychiater Lawson Wulsin interessierte vor allem, in welchen Jobs Depressionen überdurchschnittlich oft auftreten und welche Arbeitskriterien dafür verantwortlich sind. Den Anfang der Top-10-Depressions-Jobs macht die Branche der Journalisten, Autoren und Verleger. Laut der Studie sollen hier etwa 12,4 Prozent der Berufstätigen mit Depressionen zu kämpfen haben.

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Händler

Der Begriff „Depression“ ist in der Studie klar definiert. Als depressiv zählt, wer mindestens zwei Mal während des Untersuchungszeitraums (2001 bis 2005) krankheitsspezifische, medizinische Hilferufe aufgrund von „größeren depressiven Störungen“ gebraucht hat. Händler aller Art, sowohl für Waren- als auch für Wertpapiere, gelten demnach ebenfalls als überdurchschnittlich depressiv. Platz neun: 12,6 Prozent.

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Parteien, Vereine & Co.

Neben den Hilferufen nach medizinischer Fürsorge flossen noch andere Daten in die Studie ein. Die Forscher beachteten außerdem Informationen wie Alter, Geschlecht, persönliche Gesundheitsvorsorge-Kosten oder körperliche Anstrengung bei der Arbeit. Angestellte in „Membership Organisations“, also beispielsweise politischen Parteien, Gewerkschaften oder Vereinen, belegen mit über 13 Prozent den achten Platz im Stress-Ranking.

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Umweltschutz

Der Kampf für die Umwelt und gegen Lärm, Verschmutzung und Urbanisierung ist oft nicht nur frustrierend, sondern auch stressig. Knapp 13,2 Prozent der beschäftigten Erwachsenen in dem Sektor gelten laut den Kriterien der Forscher als depressiv. In den USA betrifft das vor allem Beamte, denn die Hauptakteure im Umweltschutz sind staatliche Organisationen und Kommissionen.

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Juristen

Als mindestens genauso gefährdet gelten Juristen. Von insgesamt 55 untersuchten Gewerben belegten Anwälte und Rechtsberater den sechsten Platz im Top-Stress-Ranking: Rund 13,3 Prozent der Juristen in Pennsylvania gelten für die Forscher der medizinischen Universität Cincinnati depressiv.

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Personaldienstleister

Auf Rang fünf liegen Mitarbeiter im Dienstleistungsbereich . Deren „Ressource“ ist der Mensch – und der ist anfällig: Denn der „Personal Service“ in Pennsylvania hat nach Lawson Wulsin und Co. eine Depressionsrate von knapp über 14 Prozent. Und nicht nur Kopf und Psyche sind von der Krankheit betroffen, sondern offenbar auch der Körper: Schon seit Jahren forscht Wulsin auf diesem Gebiet und geht von einer engen Verbindung von Depression und Herzkrankheiten aus. Gefährdeter als Menschen aus dem Dienstleistungsbereich sind nur vier andere Jobgruppen.

Eine deutliche Mehrheit - über 90 Prozent der Befragten - hielt in der Umfrage den Gang zum Arzt oder Psychotherapeuten für den besten Weg, um sich bei einer Depression helfen zu lassen. Doch nahezu alle Interviewten sahen die Ursache einer Depression in Schicksalsschlägen (96 Prozent) und Belastungen am Arbeitsplatz (94 Prozent). Die Hälfte glaubte an eine falsche Lebensführung, ein Drittel an Charakterschwäche. Ganz ähnlich gewichteten Betroffene die Hauptursachen - nur Charakterschwäche steht bei ihnen mit 18 Prozent auf dem letzten Platz.

Damit würden belastende Lebensereignisse für die Entstehung von depressiven Erkrankungen überschätzt, sagte Hegerl. Dass eine Depression auch biologische Ursachen habe, sei deutlich weniger bekannt. So kennen in der Studie knapp zwei Drittel der Befragten die große Bedeutung der erblichen Komponente und wissen, dass während einer Depression der Stoffwechsel im Gehirn gestört ist. Bei Betroffenen liegt dieses Wissen um 10 bis 20 Prozent höher.

Nach dem heutigen Stand der Forschung führt die Veranlagung zu Depressionen zu veränderten Hirnfunktionen, zum Beispiel zu stärkeren Reaktionen auf Stress unterschiedlichster Art. Die Depression rückt alles Negative ins Zentrum des Erlebens und vergrößert es riesenhaft. Als behandlungsbedürftig gilt eine Depression, wenn Menschen sich gravierend und über einen langen Zeitraum verändern. Ärzte behandeln die Krankheit in der Regel mit Psychotherapien und - je nach Schweregrad - auch mit Medikamenten.

Insgesamt erkranken nach Angaben der Stiftung jeder Jahr rund 5,3 Millionen Menschen in Deutschland an einer behandlungsbedürftigen Depression. Jeden Tag begingen durchschnittlich 28 Menschen Suizid. Bei vielen Fällen geht die Stiftung von einer schweren Depression als Ursache aus. Nach einer Analyse des Robert Koch-Instituts (RKI) zählen Depressionen inzwischen zu den häufigsten psychischen Leiden in Deutschland.

Die Krankheit wird in Deutschland aber auch häufiger als früher erkannt. So stieg in den vergangenen Jahren nicht die Häufigkeit der Krankheit an sich, sondern die Zahl der Diagnosen. Die Wahrscheinlichkeit, im Laufe des Lebens an einer Depression zu erkranken, wird auf elf bis 15 Prozent geschätzt. Frauen sind häufiger betroffen als Männer, suchen aber in der Regel auch schneller Hilfe.

  • dpa
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