US-Forscher Richard Axel und Linda B. Buck haben die Genfamilie für Gerüche entdeckt
Nobelpreis für Enträtseln des Geruchssinns

Linda Buck und Richard Axel haben sich einem vernachlässigten Sinn des Menschen gewidment, dem Geruchssinn. Sie fanden heraus, wie der Mensch 10 000 unterschiedliche Gerüche unterscheiden und sich daran erinnern kann.

STOCKHOLM. „Sie haben einen unserer grundlegenden Sinne kartografiert. Der Geruchssinn hat Einfluss auf unser Wohlbefinden, unser Wiedererkennungsvermögen, vielleicht mehr, als wir bisher ahnen“, sagte der Sekretär des Nobelkomitees Hans Jörnvall über Axel vom Howard Hughes Institute der Columbia Universität (New York) und Buck vom Fred Hutchinson Krebsforschungszentrum (Seattle). Für ihre Leistung erhalten die beiden US-Wissenschaftler den diesjährigen Medizin-Nobelpreis.

Buck (57) und Axel (58) haben 1991 ihre bahnbrechende Arbeit über die Geruchsrezeptoren vorgelegt. „Sie haben uns erstmals Einblicke gegeben, wie einer unserer fünf Sinne funktioniert“, sagt der Stockholmer Professor für Genetik, Urban Lehndal. Erst durch die Arbeit der beiden Wissenschaftler habe man ein Verständnis über die Funktionsweise der Geruchsrezeptoren erhalten, erklärte der Experte, der selbst am es Karolinska-Instituts arbeitet. „Die Arbeit der beiden löste ein Rätsel, an dem wir sehr, sehr lange geknackt haben“, sagte der Stockholmer Physiologieprofessor Bertil Fredholm.

Buck und Axel haben zeigen können, dass weit mehr Gene als bisher angenommen für den Geruchssinn verantwortlich sind. Die beiden Amerikaner konnten nachweisen, dass rund 1 000 – oder drei Prozent – der menschlichen Gene für das Funktionieren des Geruchssinns verantwortlich sind. Aus diesen Genen ergeben sich ebenso viele Geruchsrezeptoren, die in der Nasenschleimhaut sitzen. Für die Wissenschaft war es eine große Überraschung, dass jede Rezeptorzelle einem speziellen Gen zugeordnet ist und nur eine begrenzte Anzahl Gerüche verarbeiten kann.

Jedes der entdeckten Gene liefert die Bauanleitung für einen speziellen Geruchsrezeptor. Über diese Rezeptoren gelangen die Geruchssignale durch die Nasenschleimhaut in die jeweils zuständigen Zellknäuel im Riechkolben. In diesen Schaltstellen werden gleichartige Signale gesammelt, an die jeweils passende Nervenzelle und schließlich an die Hirnrinde weitergegeben. Dort entsteht aus der Kombination der Geruchseindrücke dann das spezifische und immer wieder abzurufende Geruchsmuster. Auf diese Art können Menschen sich ihr Leben lang an einen von Oma gebackenen Geburtstagskuchen, den Duft von Flieder oder den Gestank verdorbener Muscheln erinnern.

Die Erforschung des Geruchssinns hat auch die Entwicklung neuer Sensoren – so genannter elektronischer Nasen – beeinflusst, die heute in der Lebensmittelindustrie für die Qualitätssicherung genutzt werden. Der Geruchssinn wird mit elektronischen Rezeptoren auf einem Chip nachempfunden. Die Elektronik erkennt auf Grund eines Signalmusters die erlernten Gerüche. Im Gegensatz zur menschlichen Nasen können mit diesen Sensoren auch Gase erkannt werden, die nicht riechen.

Der mit zehn Millionen Kronen (rund 1,1 Millionen Euro) dotierte Preis wird am 10. Dezember verliehen.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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