Was lässt die Proteinfaltung entgleisen?
Wie das Leben so faltet

Die sogenannte Proteinfaltung in den menschlichen Körperzellen entscheidet über Krankheit, Alter und Tod.
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Am Rande Berlins, zwischen Laborgebäuden und zugewucherten Grünflächen, liegt das Café Max. Erich Wanker, Proteinforscher und gebürtiger Kärntner, setzt sich an einen Tisch und sagt zur Bedienung nur ein Wort: »Kännchen«. Er sagt es mit einem gedehnten ä, »Käänchen«, als ob er ein kleines Boot meinte. Der Ober stutzt. »Ein Käänchen!«, wiederholt Wanker ungeduldig. So geht es ein paarmal hin und her, bis sich ein Gast erbarmt und das Wort auf Hochdeutsch wiederholt.

Das Wort »Kännchen« wird im Österreichischen und im Deutschen genau gleich buchstabiert - aber die Aussprache ist grundverschieden. Die Sprachverwirrung ist eine Allegorie auf Wankers Forschungsgebiet. Der Molekularbiologe beschäftigt sich gleichsam mit Eiweiß-Dialekten. Die Proteine, die der Biochemiker untersucht, gleichen in ihrer Zusammensetzung ganz normalen Proteinen; sie enthalten exakt dieselbe Abfolge von Aminosäuren. Dennoch ist ihre Ausprägung verschieden, denn sie sind dreidimensional falsch gefaltet.

Im Café Max des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin kann die kleine sprachliche Dissonanz lediglich zu unfreiwilliger Kaffeeabstinenz führen; auf molekularer Ebene hat die unterschiedliche Ausprägung oft verhängnisvolle Folgen. Auf fehlgefaltete Proteine geht nämlich ein ganzes Spektrum von Erkrankungen zurück; es reicht von häufigen Leiden wie Krebs, Diabetes oder Arterienverkalkung bis hin zu seltenen Stoffwechselkrankheiten.

Die Idee, Krankheiten vor allem als Faltungsunfall zu betrachten, beflügelt zurzeit ebenso die Fantasien der Biowissenschaftler wie jene der Pharmaindustrie.

Letztere spekuliert auf neue, gewinnbringende Medikamente, die Bioforscher dagegen hoffen auf ein neues Verständnis der Lebensvorgänge. Knapp ein Jahrzehnt nach der Entschlüsselung des menschlichen Genoms hat sich gezeigt, dass die Hoffnung auf die allumfassende Erklärungskraft der Gene überzogen war. Inzwischen offenbart sich in immer mehr Fällen, dass nicht die Information der Gene, sondern eher die dreidimensionale Faltung der Proteine über Wohl und Wehe im menschlichen Körper bestimmt.

Vor Erich Wanker steht inzwischen ein Kännchen Kaffee. Der Kärntner entspannt sich und beginnt, über sein Arbeitsgebiet zu plaudern: über Eiweiße, die sich falten wie kunstvolle Origami-Figuren; oder über die Ableitung des Wortes »Protein« aus dem griechischen proteios, das so viel bedeutet wie »an erster Stelle stehend«. In den Genen mögen zwar die Baupläne des Lebens stecken, meint Wanker, aber tatsächlich stünden die Proteine an vorderster Front des Lebens selbst.

Denn die verwickelten Eiweißstränge, die sich aus langen Ketten von 20 Aminosäuren zusammensetzen, sind es, die letztlich dafür verantwortlich sind, dass Muskeln angespannt werden oder der Stoffwechsel in Gang bleibt. Schätzungsweise 100.000 verschiedene solcher wirkmächtigen Proteine gibt es im menschlichen Körper.

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