Weder Junge noch Mädchen
Protest gegen Tagung über Intersexualität

Junge oder Mädchen? Nicht bei jedem Baby lässt sich diese Frage so einfach beantworten. Soll man diese Laune der Natur operativ korrigieren oder gibt es ein "drittes Geschlecht"?
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LübeckBei einem von etwa 5000 Neugeborenen ist nach Schätzungen von Medizinern das Geschlecht nicht klar erkennbar. Mit den neuesten Diagnose- und Therapiemöglichkeiten dieser angeborenen Besonderheiten der Geschlechtsentwicklung (Disorders of Sex Development, DSD) befasst sich seit Freitag in Lübeck eine internationale Tagung zum Thema Intersexualität. Die Betroffenen-Organisation "Zwischengeschlecht.org" rief zu Protesten gegen das Treffen auf. Sie wirft den Medizinern "menschenrechtswidrige Genitalverstümmelung an Zwittern" vor.

An der Veranstaltung nehmen bis Sonntag mehr als 120 Wissenschaftler teil, unter anderem aus den USA und Australien.

Seit rund zehn Jahren kümmern sich am Campus Lübeck des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH) Kinder- und Jugendärzte, Hormonspezialisten, Chirurgen und Humangenetiker um die Betreuung von betroffenen Familien, erforschen speziell die Rolle der Hormone bei den meist vererbten Störungen. In ganz Europa gibt es solche Arbeitsgruppen, die im Netzwerk EuroDSD zusammengeschlossen sind und die in Lübeck ihre Forschungsergebnisse vorstellen.

Die Aktivisten von "Zwischengeschlecht.org" dagegen bezeichnen das Netzwerk als eine der "weltweit größten internationalen Genitalverstümmler-Organisationen". Sie propagiere medizinisch nicht notwendige Genitaloperationen, die mit der Beschneidung von Mädchen in islamisch geprägten afrikanischen Ländern vergleichbar sei, heißt es in einem Aufruf der Organisation.

"Wir nehmen die Proteste sehr ernst", sagte der Leiter der Tagung, Olaf Hiort von der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am UKSH. "Doch in den letzten 15 Jahren haben sich die Behandlungsmethoden dieser Störungen und auch der Zugang dazu grundlegend geändert. Es gibt schonendere Operationsmethoden, verfeinerte Hormontherapien und vor allem werden die Familien von Anfang an bei der Überlegung miteinbezogen, welche Behandlungsmethoden infrage kommen."

Die betroffene Kinder kommen mit Fehlbildungen der Hoden, der Eierstöcke oder der äußeren Geschlechtsmerkmale zur Welt. So haben beispielsweise Mädchen eine penisartig vergrößerte Klitoris, ihr inneres Genital und auch ihre sexuelle Identität sind jedoch weiblich. In anderen Fällen produzieren genetisch männliche Kinder keine männlichen Hormone, so dass sie äußerlich weiblich wirken.

"Nicht in allen Fällen muss sofort operiert werden. Aber früher oder später stehen Eltern doch vor der schwierigen Entscheidung, in welchem Geschlecht das Kind aufwachsen soll", sagte Hiort. "Im gewissen Sinne sind es tatsächlich kosmetische Operationen", räumt Hiort ein. "Aber es geht ja auch darum, Kindern und Jugendlichen ein Aufwachsen möglichst nah an der Normalität zu ermöglichen", sagte er.

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
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