Medizin
Welcher „magische Cocktail“ sorgt für neue Stammzellen?

Unter Stammzellforschern gibt es eine heiß diskutierte Ziffer. Die einen schätzen sie auf „etwa drei“. Andere Wissenschaftler mutmaßen „sieben bis zehn“ oder „vielleicht auch 20“.

dpa KOBE. Unter Stammzellforschern gibt es eine heiß diskutierte Ziffer. Die einen schätzen sie auf „etwa drei“. Andere Wissenschaftler mutmaßen „sieben bis zehn“ oder „vielleicht auch 20“. Gemeint ist die Zahl jener Proteine in einem „magischen Cocktail“, der eine erwachsene Körperzelle zu einer embryonalen Stammzelle machen soll.

Die Suche nach einem solchen „Embryo-Elixier“ könnte den Ausweg aus einem der größten Probleme der Stammzellforschung bieten: Bislang müssen diese viel versprechenden Zellen aus Embryonen gewonnen werden. Viele Menschen und Gesetzgeber lehnen das strikt ab und verbieten es als Vernichtung potenziellen Lebens.

Dies ändert nichts daran, dass Stammzellen weiterhin als eine der größten Hoffnungen der Medizin gelten. Sie sollen eines Tages verschlissenes Gewebe ersetzen - zum Beispiel, damit Diabetiker ihr Insulin wieder selbst produzieren können statt es sich spritzen zu müssen. Daher die Frage: Wie lassen sich die erwünschten Stammzellen ohne Eizellen und Embryonen gewinnen?

Der Workshop „Stammzellen in Reproduktion und Gehirn“ im japanischen Kobe - am Wochenende gemeinsam veranstaltet von der Max- Planck-Gesellschaft, der Schering Forschungsgesellschaft und dem japanischen Riken-Zentrum für Entwicklungsbiologie - vereinte zahlreiche internationale Forscher zu diesem Thema. Im Mittelpunkt stehen die so genannten pluripotenten Stammzellen. Sie können keinen lebenden Organismus, wohl aber alle seine Gewebe einschließlich der Ei- und Samenzellen bilden. Und obwohl sich nach wie vor kein eindeutiger Weg dorthin abzeichnet: Professor Hans Schöler, Leiter der Abteilung Zell- und Entwicklungsbiologie am Max-Planck-Institut für Molekulare Biomedizin in Münster, ist sich sicher: „Eines Tages werden Stammzellen Krankheiten heilen.“

Viele Forscher hoffen, Substanzen zu finden, die den Kern einer erwachsenen Zelle zu Stammzellen zurückprogrammieren. Vermutlich befinden sich diese gesuchten Signalproteine im Inneren der Kerne von Eizellen oder Stammzelle. Oder sie haften ihnen außen an. Diese Proteine werden mal als „Stein des Weisen“, mal als „Heiliger Gral“ und mal „Embryo-Elixier“ bezeichnet.

Philippe Collas von der Universität Oslo will die erwachsenen Zellen mit Extrakten zerschredderter Zellen zu embryonalen Stammzellen machen. Bislang gelang es ihm auf diese Weise, Hautzellen umzugestalten. Unter dem Einfluss des „Elixiers“ entstanden auch Zellen, „die sehr große Ähnlichkeiten mit Zellen der Bauspeicheldrüse, des Herzmuskels und von Immunzellen haben“, sagt Collas in Kobe. Allerdings gleiche das, was er da tue, durchaus der Arbeit eines Alchemisten, räumt Collas ein: „Das Umprogrammieren einer Körperzelle ist zurzeit eine "Black Box".“

Andere Kollegen untersuchen jene als „Nischen“ bezeichneten Regionen von Tier und Mensch, in denen zum Beispiel Blutstammzellen überdauern - und hoffen, auf diese Art Hinweise auf eine mögliche Rückprogrammierung zu bekommen. Eine weitere Strategie ist es, Hautzellen erwachsener Menschen im Labor mit embryonalen Stammzellen zu verschmelzen.

Mittelfristig sieht Schöler - wie auch viele seiner Kollegen - in den Stammzellen besonders die Chance, „Krankheiten in die Kulturschale zu holen“. Dafür würde zum Beispiel die Mutter eines an einer genetisch bedingten Nervenkrankheit leidenden Kindes eine Eizelle spenden. In diese würde der Zellkern des Kindes eingesetzt. Die daraus entstehenden Stammzellen hätten den gleichen genetischen Defekt wie das Kind. Nun ließen sich sowohl diese kranken als auch gesunde Stammzellen gleichzeitig in Nervenzellen differenzieren - um nach Unterschieden zu suchen. „Gen-Chips können zeigen, welche Erbanlagen im Laufe der Entwicklung in der gesunden und welche in der kranken Zelle aktiviert werden. Oder eben nicht“, sagt Schöler. „Wir könnten den Krankheitsverlauf verstehen. Und ihn damit später vielleicht auch beeinflussen.“

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