Zika-Epidemie in Brasilien
Eine Stechmücke gegen ein ganzes Land

Brasilien leidet unter der Ausbreitung der Zika-Überträgermücke. Die Epidemie offenbart eklatante Missstände im Gesundheitswesen des riesigen Landes. Es fehlt an Insektiziden, Geld und politischem Willen.

Campina GrandeBereits im Mai 2015, als in Brasilien die ersten Zika-Fälle auftraten, stockten die staatlichen Insektizid-Lieferungen. Auch als Präsidentin Dilma Rousseff im November den nationalen Gesundheitsnotstand ausrief, gab es etwa in der Stadt Campina Grande noch immer kaum Mittel zur Ausrottung der Überträgermücken. Es ist eines von vielen Beispielen für das Versagen des Gesundheitswesens im Kampf gegen die Zika-Epidemie, die für Schädelfehlbildungen bei Neugeborenen verantwortlich gemacht wird.

„In den 19 Jahren, die ich im Umweltbereich arbeite, habe ich noch nie so viel Desorganisation gesehen“, klagt Rossandra Oliveira, die für die Mückenbekämpfung in Campina Grande mit rund 400.000 Einwohnern zuständig ist. Vor allem im verarmten Nordosten, wo die Epidemie am schlimmsten grassiert, leiden staatliche Krankenhäuser unter Geldnot und können kaum die von Mikrozephalie – den Schädelfehlbildungen – betroffenen Babys versorgen.

Dafür verantwortlich ist zum einen die schwerste Rezession seit den 1930er Jahren. Doch Experten verweisen auch auf das kollektive Versagen im Kampf gegen Korruption und soziale Ungleichheiten. Gleichzeitig ringt Rousseff um ihr politisches Überleben: Vergangene Woche forderten tausende Demonstranten ihren Rücktritt wegen eines Korruptionsskandals, in den auch ihr Mentor, Ex-Präsident Luiz Inácio Lula da Silva, verwickelt sein soll.

Gesundheitsminister Marcelo Castro kann die Lieferengpässe der Insektizide nicht so recht erklären: „Wenn es diesen Mangel gab, was ich nicht bestätigen oder dementieren kann, dann nur für kurze Zeit, und als Einzelfall, der die Gesamtlage nicht beeinflusst“, sagte er in einem Interview.

Doch nach Unterlagen der Staatsanwaltschaft waren die Versorgungsengpässe so schlimm, dass die Vorräte zwischen August und Oktober landesweit rationiert werden mussten. In einer Memo vom September erwogen die Behörden des Bundesstaates Pernambuco sogar, als Ersatz Haushaltsbleiche einzusetzen oder kleine Fische, die die Mückenlarven fressen.

Castro zufolge ist die Beseitigung der Brutstätten in den Haushalten am effektivsten. Doch Virologen bestehen auf dem zusätzlichen Einsatz von Larvenvernichtungsmittel in den provisorischen Wassertanks, mit denen sich viele Haushalte im Nordosten aus Mangel an fließendem Wasser behelfen.

Statt die Missstände anzugehen, appellierte Rousseff an den Nationalstolz. Zum Start einer landesweiten Reinigungskampagne trug sie ein T-Shirt mit dem Aufdruck: „Eine Stechmücke ist nicht stärker als ein ganzes Land.“ In einer Rede im ebenfalls betroffenen Bundesstaat Bahia beschwor sie ihre Zuhörer: „Wir 204 Millionen Menschen sind viel stärker als diese Stechmücke.“ Doch dafür braucht es mehr Geld, und das Budget des Gesundheitsministeriums wurde im Februar um fast drei Prozent gekürzt.

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