Kommunikation der Zukunft
Die Kunst des klugen Fragens

Als Kind beherrschten wir es perfekt, doch mit der Zeit stumpft eine unsere wichtigsten Fähigkeiten ab: kluge Fragen zu stellen. Für die Arbeitswelt von morgen müssen wir das aber dringend wieder lernen.
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Edwin Land wird heute als der Steve Jobs seiner Zeit beschrieben. Der Erfinder sah in den 30er-Jahren Möglichkeiten, wo andere nichts entdeckten. Doch auf seinen wichtigsten Einfall kam er nicht selbst, sondern seine Tochter. Während des Familienurlaubs in Santa Fe machte Edwin Land Fotos von der kleinen Jennifer. Und die fragte ihn etwas, was die Geschichte der Fotografie verändern sollte: Warum müssen wir auf das Bild warten? Edwin Land dachte nach, verschwand in seiner Garage und meldete 1933 ein Patent an. Kurze Zeit darauf gründete er die Firma Polaroid.

Wissenschaftler an der Harvard-Universität haben errechnet, dass ein Kind im Alter von drei Jahren rund 40.000 Fragen gestellt hat. Zunächst nur einfache Sachfragen, dann die ersten Bitten um Erklärungen. Später jedoch, in der Vorschule und beim ersten Kontakt mit einem Lehrer in der Schule, reduziert sich die Zahl der Fragen rapide. Und das obwohl ja jetzt professionelle Fragenbeantworter zur Verfügung stehen. Der jähe Rückgang wäre an sich gar nicht beunruhigend. Doch die Forschung zeigt, dass Kinder, die wenig Fragen, sich auch weniger in der Schule engagieren. Auch deshalb werfen Kritiker unserem Bildungssystem sogar vor, dass es nicht zum Fragen ermuntert, sie bisweilen sogar nicht einmal zulässt.

Es gibt vieles, was innovative Unternehmen von altbackenen unterscheidet. Fachleute, die das weltweit wichtigste Innovationslabor Silicon Valley kennen, nennen die Kunst des klugen Fragens an vorderer Stelle. Steve Jobs war zum Beispiel ein großer Anhänger des buddhistischen Prinzips, das als „Shoshin“ bezeichnet wird: der „Geist des Anfängers“. Grundlage dieser Denkweise ist die Fähigkeit, fundamentale Fragen zu stellen. Auch Richard Saul Wurman, Gründer der Innovations-Konferenz TED und der TED-Talks, stellt sich seinen Geist gern als „leeren Eimer“ vor. Und Google pflegt eine Fragekultur nicht zuletzt in seinen wöchentlichen TGIF-Sessions („Thank god it’s Friday“ – „Gott sei Dank ist es Freitag“), bei denen Mitarbeiter das Management löchern dürfen. So einfach wie es klingt, so zukunftsweisend ist diese Fähigkeit.

Die Kunst, kluge Fragen zu stellen, ist in unserer Geschäftswelt nicht nur brutal unterbewertet – sie wird bisweilen sogar negiert. Dabei schreibt der renommierte Bestsellerautor Warren Berger in seinem Buch „Die Kunst des klugen Fragens“: „Nie gab es eine bessere Zeit, um Frager zu sein, weil es heute so viele Stellen gibt, bei denen man sich informieren, Hilfe, Ideen oder ein Feedback holen kann.“ Doch die Realität sieht (noch) anders aus: „Meiner Ansicht nach ist die unbeabsichtigte Folge dieser Ära der Effizienz, dass sich die Leute auf sehr kleingeistige Fragen beschränken“, schreibt Berger.

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Die Kunst des klugen Fragens

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Fragen schützt vor Kardinalfehlern

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