Polizei der Zukunft
Wenn der Computer zum Hilfssheriff wird

Die Polizei nutzt immer öfter Vorhersagen vom Computer – ein Schritt in Richtung Überwachungsstaat? Handelsblatt.com startet eine Serie zu Zukunftsthemen und verändert sich selbst: Am 28. Januar kommt das neue Design.
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Drogenhandel, Überfälle, Schießereien: Einige Gegenden von London sind gefährliche Pflaster. 225 Gangs mit insgesamt 3600 Mitgliedern zählt die Metropolitan Police der britischen Hauptstadt. Um die Gewalt einzudämmen, suchen die Ermittler nun die Hilfe von Kollege Computer: In einem Pilotprojekt testete die Polizei im Herbst 2014 eine Software, die vorhersagen sollte, welche Gangmitglieder am wahrscheinlichsten bald ein Verbrechen begehen würden. In die Auswertung flossen alte Akten ebenso ein wie Facebook- und Twitter-Einträge der Verdächtigen.

Mit Big Data gegen die Bandenkriminalität: Die moderne Datenanalyse könnte die Polizeiarbeit revolutionieren. Sie erlaubt es, innerhalb kürzester Zeit Informationen aus verschiedensten Quellen auszuwerten und daraus eine Prognose für die Zukunft zu erstellen – etwa, welche Kriminellen bald aneinandergeraten werden oder wo eine Einbrecherbande zuschlagen wird. Predictive Policing nennen Experten diesen Ansatz, vorausschauende Polizeiarbeit also. In den USA kommt derartige Technologie bereits vielerorts zum Einsatz, auch deutsche Polizeibehörden wollen die Verbrechen der Zukunft vorhersagen.

Doch immer wenn der Computer die Kontrolle übernimmt, tun sich Probleme auf. Wer legt die Kriterien fest, nach denen die Software vorgeht? Wie lässt sich verhindern, dass einige Gruppen diskriminiert werden, beispielsweise Ausländer? Und wer gewährleistet, dass die Daten nur dem Schutz der Bürger dienen, nicht auch zu deren Überwachung? Der Kampf gegen die Londoner Gangs gibt einen Vorgeschmack darauf, was da noch kommen kann.

Die Software nutzt Informationen, die auch menschliche Polizisten bei der Arbeit verwenden. Sie wertet beispielsweise Akten zu früheren Straftaten aus, zieht aber auch Informationen über einen Stadtteil und Diskussionen in den sozialen Netzwerken hinzu. Dabei ist sie aber in der Lage, riesige Datenberge zu durchwühlen. So sollen sich Muster zeigen, die Verstand und Intuition verborgen bleiben.

Ein Beispiel: Einbrecher suchen sich oft gezielt ihre Opfer aus, etwa alleinstehende Rentner oder reiche Kunstsammler, und bevorzugen bestimmte Immobilien, ob Apartments in anonymen Wohnblöcken oder freistehende Häuser auf dem Land. Kommt die Polizei diesem Muster auf die Spur, kann sie in gefährdeten Gegenden mehr Streifen losschicken, auch in anderen Städten oder Regionen.

So ein effektiver und proaktiver Einsatz der Kräfte sei einer Reaktion auf Straftaten vorzuziehen, schreibt der amerikanische Think Tank Rand Corporation, der auch die US-Streitkräfte berät. „Vorhersagende Methoden erlauben der Polizei auch, ihre begrenzten Ressourcen besser einzusetzen.“ Die Technologie soll also für mehr Sicherheit sorgen, und das mit weniger Polizisten.

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Warnung vor Rasterfahndung 2.0

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