USA in der Zukunft
Eine Supermacht will nach Hause

Amerika will nicht mehr überall auf der Welt mitmischen. Doch es wird weiter gebraucht. Handelsblatt.com startet eine Serie zu Zukunftsthemen – und verändert sich selbst: Vom 28. Januar an erleben Sie ein neues Design.
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DüsseldorfDer Sonntag nach den Terroranschlägen in Paris: Fast 50 Staats- und Regierungschefs zeigen sich gemeinsam vor den Kameras der Welt, um ein Zeichen zu setzen gegen die Gräueltaten islamistischer Mörderbanden. Nebenan demonstrieren mehr als eine Million Menschen. Ein Ereignis für die Geschichtsbücher - bei dem einer auffällig fehlte: Barack Obama. Weder der US-Präsident noch ein anderer hoher Repräsentant aus Washington wollte die weite Reise antreten.

Die ganze Welt geht gegen den Terror auf die Straße, und ausgerechnet Amerika schwänzt? Ein unglaublicher Fehler des sonst so auf Symbolik bedachten Präsidenten. Es ist auch ganz und gar unverständlich, weil es einen gängigen Vorwurf untermauert, der Obama zu Hause von den oppositionellen Republikanern gemacht wird: Dass Amerika durch ihn schwach geworden sei. Mit einem außenpolitischen Dilettanten und Zauderer an der Spitze, den die politischen Antagonisten und die Schurken dieser Welt nicht erst nehmen.

Indizien dafür scheint es genug zu geben: Durfte nicht Syriens Präsident Baschar al-Assad Obamas „rote Linie“ übertreten und ungestraft Giftgas gegen das eigene Volk einsetzen? Musste nicht Libyens Muammar al-Gaddafi Franzosen und Briten mehr fürchten als die Amerikaner, die sich im Hintergrund hielten? Konnte nicht die Terrormiliz IS sich monatelang im Irak und in Syrien ausbreiten und Köpfe abschneiden, ehe Obama Luftangriffe befahl? Und Wladimir Putin: Hat er nicht in Osteuropa Landesgrenzen verschoben – und dafür aus Washington höchstens einen Tadel und ein paar symbolische Sanktionen aufgebrummt bekommen?

„Wir haben uns zu Zuschauern gemacht“, klagte kürzlich Außenpolitik-Legende Henry Kissinger. Doch warum ist Amerika so häufig nur noch Zuschauer und nicht mehr Akteur? Ein Grund, und da haben die Kritiker Recht, ist, dass Obama nicht gerade ein leidenschaftlicher Außenpolitiker ist. Er kann flammende Reden halten, handelt aber oft konzeptlos und reaktiv. Ihm fehlt Fortune.

Ein anderer Grund ist sein Realismus: Der Präsident hat erkannt und lebt vor, dass die Jahre des Interventionismus vorbei sind. Keinen Isolationismus strebt er an, wohl aber eine Politik der nüchternen Abwägung von Interessen. Ansonsten liegt Obamas Fokus auf der Innenpolitik. Dieser wird der Präsident am Abend in seiner Rede zur Lage der Nation wohl auch fast seine gesamte Aufmerksamkeit schenken.

Auch wenn Obama nach außen hin Amerikas Führungsrolle beschwört – er weiß, dass Uncle Sam nicht mehr überall mitspielen will und kann. Zwei gescheiterte Kriege mit Tausenden Toten und Milliardenkosten haben den missionarischen Eifer der Neokonservativen um George W. Bush, die Demokratie in aller Welt auch mit der Waffe zu verbreiten, verstummen lassen. Sie haben Amerika ermüdet und die Skandale von Abu Ghreib bis Guantanamo den Ruf der USA in der Welt schwer beschädigt. Genug jetzt, scheinen die Amerikaner zu denken. Der Weltpolizist, Friedensnobelpreis an der Uniform, hat Gefallen an dem Gedanken gefunden, einfach Pistole und Marke abzugeben und sich in den Ruhestand zu verabschieden.

Für Deutschland und Europa ist das keine gute Nachricht. Der wütende Terror, die Folgen des Klimawandels, die Ukraine-Krise, Irans Atomprogramm, der Nahost-Konflikt, die Ängste der Nachbarn Chinas vor dem Riesenreich, Ebola oder die bedrohte Offenheit der Seewege – Amerika wird in dieser unübersichtlichen Welt weiter gebraucht. Auch ein noch weiter integriertes Europa wird es nicht alleine schaffen, die in 70 Jahren gemeinsam aufgebaute liberale Weltordnung zu verteidigen.

Kommentare zu " USA in der Zukunft: Eine Supermacht will nach Hause"

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  • @Herr carlos santos
    So hat Deutschland nicht einmal Marine-Hubschrauber...

    Haben sie schon mal darüber nach gedacht, warum das so ist ?

    Denken schadet nämlich nicht.

  • @Herr carlos santos
    Amerika will nicht mehr überall auf der Welt mitmischen.
    Doch es wird weiter gebraucht.

    Halte das eher für ein Gerücht.

  • Aha, ein Amerikanischer oder ein Kommentar aus dem Angelsächsischen Raum.
    Liege ich richtig ?

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