Open Source: Die neue Unabhängigkeit

 

Open Source
Die neue Unabhängigkeit

Für ihre Cloud-Infrastruktur setzen Unternehmen zunehmend auf frei verfügbare Software. Der freie Code bietet eine Reihe von Chancen, aber auch Risiken. Worauf Unternehmen achten sollten.

KölnBMW, Deutsche Telekom, SAP, Zalando. Es sind große Namen, die auf der Referenzliste des IT-Dienstleisters B1 Systems aus Vohburg bei Ingolstadt stehen. Mit seinen 70 Mitarbeitern hat Geschäftsführer Ralph Dehner sich früh Spezialwissen für eine Software angeeignet, die derzeit einen Siegeszug auf dem Cloud-Markt antritt: OpenStack nutzen immer mehr Unternehmen, um ihre IT-Landschaft zu flexibilisieren. Zurück geht OpenStack auf den Webhosting-Anbieter Rackspace. Die Texaner programmierten die Infrastruktur-Software, um Rechen-, Speicher- und Netzwerkkapazitäten über die Cloud bereitstellen zu können. 2010 gründete Rackspace zusammen mit der Weltraumagentur Nasa ein Open-Source-Projekt. Seither kann sich jeder an der Entwicklung beteiligen und OpenStack kostenlos nutzen.

Als eine der ersten Firmen schloss sich B1 Systems vor fünf Jahren dem Projekt an, das von einer Stiftung koordiniert wird. Heute sind mehr als 300 Unternehmen beteiligt – darunter IT-Giganten wie Cisco, IBM und HP. „Fast jeder Hersteller will ein Stück vom Kuchen abhaben und stellt Entwickler zur Verfügung“, sagt Dehner. „Das ist ein einmaliger Vorgang.“ Die IT-Konzerne kämpfen so um Einfluss auf einem riesigen Wachstumsmarkt. Denn nicht nur sogenannte Public-Cloud-Anbieter wie Amazon, die Rechenleistungen über das Internet vermieten, fragen Infrastruktur-Software nach. Zunehmend nutzen Unternehmen quer durch alle Branchen die Technik für eigene Rechenzentren: Auch in der sogenannten Private Cloud können interne Softwareentwickler einfach per Mausklick nötige Kapazitäten abrufen. „Der Vorgang dauert in großen Unternehmen sonst oft Wochen“, erklärt Dehner.

Schon Ende 2014 gab in einer Studie des Kasseler Analystenhauses Crisp Research jeder siebte befragte IT-Entscheider in Deutschland an, OpenStack einzusetzen oder dies zu planen. Die Verbreitung hat laut René Büst, Cloud-Experte bei Crisp Research, seither stark zugenommen. Konkurrierende, nicht offene Produkte blieben chancenlos. „Die Unternehmen setzen auf Open Source, um Lizenzkosten zu vermeiden“, meint Büst. Die Offenheit hat BMW überzeugt – seit zwei Jahren nutzt der Autobauer OpenStack. „Der Hauptvorteil ist, dass die Schnittstellen der Open-Source-Cloud-Systeme nicht proprietär sind“, sagt Stefan Lenz, verantwortlich für den Bereich Infrastructure & Technology Management bei BMW Group IT. „Dadurch ist sichergestellt, dass durch Softwareentwicklung in der Cloud kein Vendor-Lock-in entsteht.“ Es wird also die Abhängigkeit von nur einem Anbieter vermieden.

Mit neuen Voraussetzungen

Dass Anwender nun reihenweise offene Lösungen einsetzen, ist ein Paradigmenwechsel. Denn bei der Servervirtualisierung – eine Technik, die als Vorstufe der Cloud-Architektur gilt – dominierten noch geschlossene Lösungen. Unangefochtener Marktführer ist hier bis heute VMware. Für Cloud-Infrastrukturen konnte die Tochter des Speicherspezialisten EMC den Erfolg nicht wiederholen, sondern setzt nun auch auf OpenStack. Dankbar angenommen hat das Amadeus, ein europäischer Anbieter eines Flugreservierungssystems. „Mit VMware verbindet uns eine lange Geschäftsbeziehung“, sagt ein Firmensprecher. Dass OpenStack vom gewohnten Dienstleister angeboten werde, erleichtere die Integration der Technologie.

Auf IT-Firmen sind Anwender in der Regel auch bei Open-Source-Lösungen weiter angewiesen. Üblich sind Wartungsverträge und Projekte zur Anpassung der Software. „Unter dem Strich ist Open Source für Anwender meist dennoch günstiger“, sagt Analyst Büst. Schon weil Anbieter leicht gewechselt werden können, sind hohe Servicegebühren die Ausnahme. Der Erfolg von OpenStack verleiht ebenso anderen offenen Projekten Rückenwind. So setzt Amadeus in der Cloud auch das gleichfalls populäre Docker ein. Die Software bündelt Anwendungen und deren Abhängigkeiten in Container. Sie lassen sich so leichter verschieben.

„Ohne Open Source ist die Cloud nicht mehr denkbar“, sagt Werner Knoblich, Europachef von Red Hat. Das Softwareunternehmen hat sich mit seiner Version des Betriebssystems Linux einen Namen gemacht, aktueller Wachstumstreiber sind Cloud-Lösungen. „Wie begehrt Open Source ist, zeigt die Tatsache, dass unser Umsatz seit 55 Quartalen in Folge steigt“, so Knoblich. Das Unternehmen wirbt damit, sowohl bei OpenStack als auch bei Docker zu den führenden Mitentwicklern zu zählen. Dass Red-Hat-Innovationen in der Gemeinschaftssoftware zudem anderen zur Verfügung stehen, sieht Knoblich nicht als Nachteil. „Wir differenzieren uns letztlich durch unser Know-how.“ Auch könne man beim Service punkten. Einen ähnlichen Weg geht B1 Systems mit seinem Expertenwissen für das als komplex geltende OpenStack. Ein wichtiges Umsatzstandbein neben Support und Beratung seien Schulungen, berichtet Firmenchef Dehner: „Viele Kunden beauftragen uns im ersten Schritt mit dem Konzept und der Implementierung der OpenStack-Umgebung, wollen den Betrieb auf Dauer aber selbst übernehmen.“

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