Autonomes Fahren
Wie der Roboter am Steuer den Weg findet

Bald steuern Autos selbstständig über die Straßen. Aber woher wissen die rollenden Roboter, auf welcher Spur sie sind oder wo der Bordstein stört? Eine neue Generation Landkarten lotst sie – und eines Tages auch Drohnen.
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Um herauszufinden, warum das autonome Fahren so schwierig ist, muss Christof Hellmis nur einen Kaffee trinken gehen. Der Weg zur französischen Brasserie schräg gegenüber führt von seinem Büro an abgesperrten Spuren, Baustellenampeln und provisorischen Pfeilen auf dem Asphalt vorbei. Mittags schlängeln sich die Autos im Schritttempo durch die Dauerbaustelle an der Invalidenstraße in Berlin-Mitte. Ob die S-Klasse von Daimler, die selbständig von Mannheim nach Pforzheim fuhr, auch hier den Weg finden würde? Oder eines der Roboterautos von Google?

Hellmis will genau das möglich machen: Er leitet bei der Nokia-Tochter Here die Abteilung für die digitalen Landkarten. Seine Abteilung vermisst das Straßennetz, damit sich Fahrroboter eines Tages selbst im Gewusel der Hauptstadt zurechtfinden. „Aber die Karten in Berlin aktuell zu halten“, seufzt Hellmis, „ist wirklich eine Sisyphusarbeit.“

Das autonome Fahren ist für die Autobranche der Trend des Jahrzehnts: Fast alle Hersteller arbeiten an Technologien, die den Fahrern das Steuer aus der Hand nehmen sollen – im ersten Schritt im Stau und beim Einparken, in einigen Jahren aber vielleicht auch bei der Fahrt über die Autobahn oder sogar beim Stop-and-Go durch die Berliner Innenstadt.

Für Nokia ist das eine riesige Chance. Here ist nach dem Verkauf der Handysparte an Microsoft eine der tragenden Säulen des finnischen Konzerns. Hochpräzise Karten für autonome Autos werden in Zukunft immer gefragter sein. Deswegen investiert die Tochterfirma kräftig in die Technik, um die Straßen zentimetergenau zu vermessen. Trotz Baustellen.

Auf den ersten Blick sieht das blaue Nokia-Auto selbst so aus, als könnte es ohne Fahrer durch die Straßen steuern. Auf dem Dach ragt ein Aufsatz anderthalb Meter in die Höhe, ähnlich wie man es von den Google-Fahrzeugen kennt, die durch den Wüstenstaat Nevada cruisen. Kameraaugen blicken nach vorne, hinten, links und rechts, ein Lasersensor tastet unsichtbar die Umgebung ab. Und ganz oben peilt ein grauer Diskus mit GPS-Empfänger die Satelliten an.

Wie viel die Sensoren des Messfahrzeugs genau kosten, will Wilfried Ness nicht verraten. „Das Auto ist der kleinere Kostenfaktor“, lässt er durchblicken. Ness – kurze, graue Haare, gelbes Sommerhemd – nennen sie bei Here „Map Detective“, Kartendetektiv: Er recherchiert, wenn Straßen plötzlich ins Nichts führen oder ihren Verlauf ändern wie gerade vielerorts in Berlin-Mitte. Er  arbeitet im Büro, etwa wenn er Akten der Behörden auswertet, und manchmal unterwegs im Messfahrzeug.

Vom Dach des blauen Here-Autos führt ein dicker Kabelstrang ins Innere. Dort steht ein Computer, der all die Daten speichert: GPS-Daten, Fotos, die 3D-Modelle. „Pro Woche sammeln wir einen Terabyte“, sagt Kartenmacher Ness – pro Auto, wohlgemerkt. Das ist so viel, wie auf 200 DVDs passt. Die Datenmassen sind nötig, damit die Computer das Fahren lernen.

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Autonomes Fahren für den Massenmarkt?

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