Cybermedizin: iPhone auf Rezept

 

Cybermedizin
iPhone auf Rezept

IT-Firmen wie Apple oder Google greifen Ärzte, Pharmakonzerne und Versicherer an. Sie wollen uns helfen, gesünder zu leben und Krankheiten zu besiegen. Leeres Versprechen oder Aufbruch in eine neue Dimension des Heilens?
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DüsseldorfJetzt ist es wieder so weit: Zum Beginn des Schuljahrs marschieren aufgeregte Erstklässler an der Hand ihrer Eltern in die Lehranstalten - riesige Tüten voller Süßigkeiten und Spielzeug stolz an sich gepresst. Unter den quirligen Sechsjährigen findet sich in fast jeder Klasse einer, der ein buntes Pflaster auf einem Auge trägt. Dem Gesunden wohlgemerkt, denn das andere, schwächere soll trainiert werden.

Kein Kind mag so ein Pflaster. Damit die Jungen und Mädchen es schneller loswerden, können sie jetzt das tun, was sie eh schon allzu gerne machen: mit dem Smartphone ihrer Eltern spielen. Möglich macht das eine neue App, ein digitales Memory, bei dem sie Paare von Löwen oder Krokodilen finden müssen. Nur der Hintergrund sieht anders aus als gewohnt: Die grau-schwarzen Farbübergänge wirken unruhig, irritierend.

Das ist Absicht: „Das Muster regt die Augen an“, erklärt Markus Müschenich. Der gelernte Kinderarzt hat das Berliner Start-up Caterna Vision mitfinanziert, das die App entwickelt hat. „Das ist Software als Medizin“, sagt er begeistert. Die App gibt es seit Kurzem sogar auf Rezept, die Krankenkasse Barmer GEK übernimmt die Kosten.

Für die Kinder, die mit dem Programm spielen, wird etwas ganz normal sein, was für die meisten Erwachsenen heute noch unvorstellbar ist: Ein Smartphone hilft ihnen, gesund zu werden. Geht es nach dem Willen von Apple-Chef Tim Cook, wird das künftig Alltag sein. Er will das neue iPhone 6 zur Schaltzentrale einer neuen, digitalen Medizin machen, zum iDoc. Auf dem Gerät ist die App Healthbook vorinstalliert, so wie bald auch auf all den anderen Abermillionen Telefonen und iPads, die der Konzern verkauft. Wie eine digitale Patientenakte bündelt das Programm die Daten elektronischer Schrittzähler, Pulsmesser und anderer tragbarer Sensoren, den Wearables, mit denen heute immer mehr Menschen ihre Fitness und ihren Gesundheitszustand überwachen. Zusammen mit Infos zur Ernährung, Ergebnissen von Labortests bis hin zu Röntgenbildern entsteht ein so detailliertes Bild vom Menschen wie nie zuvor in der Geschichte der Medizin.

Apple ist nicht allein. Google und die anderen Tech-Giganten schicken sich gemeinsam mit Hunderten frechen, ideenreichen Start-ups ebenfalls an, den Medizinmarkt von Grund auf umzukrempeln. So wie es zuvor der Musikbranche, den Medien, dem Filmgeschäft ergangen ist. Gemeinsam ist allen digitalen Praxisstürmern, dass sie das Smart phone zum Hausarzt in der Hosen tasche machen wollen. Einen allgegenwärtigen Gesundheitsberater, der uns von der Wiege bis ins hohe Alter begleitet. Der uns mithilfe eines funkenden Sensorpflasters etwa vor dem drohenden Herzinfarkt warnt; der per Kontaktlinse den Blutzuckerspiegel bestimmt und die Pumpe steuert, die Diabetiker mit Insulin versorgt; oder der mit der Handykamera Hautkrebs aufspürt.

Kommentare zu " Cybermedizin: iPhone auf Rezept"

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  • @ Alexander Knoll

    Es bleibt Ihnen überlassen ob Sie in der Datenerhebung Vorteile sehen. Ich glaube nicht dass ein Unternehmen wie Apple seine Zukunft riskiert und Daten unerlaubt weiter gibt.

    Bisher ging die Gefahr immer von staatlicher Ausspähung aus. Es sind staatliche Organisationen die in den USA Druck auf Apple ausüben auf Verschlüsselung zu verzichten.

  • Ich will nicht lange Leben,
    sondern Gut.
    Ich will nicht alt werden,
    sondern lange Jung bleiben.
    Soll ich meine Körperdaten ständig messen
    und mein Leben diesen unterordnen?
    Soll ich ständig wissen, welche Krankheiten gerade auf mich zukommen?
    Nein danke, lieber das leben voll auskosten, und wenn es mit 30 vorbei ist, dann waren das 30 Jahre die ich voll genossen habe. Mit der einstellung bin ich mitlerweile mitte 50 geworden. Wir sollten lieber lernen ohne Angst zu leben. Manchmal will ich einfach unwissend sein. Meine Einstellung ist Impfen ja, Vorsorge untersuhungen nein. Warum soll ich mein Leben durch eine Krebsbehandlung um 5-10 Jahre mit vielen einschränkungen und Schmerzen verlängern anstatt 2-3 Jahre sorglos ohne Einschränkung zu leben und dann zu Sterben. Ich ziehe die 2-3 jahre vor

  • Schöne heile Welt. Und was passiert, wenn diese Daten Versicherungen und Arbeitgeber in die Hand geraten, oder Banken oder einfach nur irgendwelchen Ganoven? Der letzte Rest der Privatsphäre mit intimen und brisanten Daten wird jetzt preisgegeben. Wie gesagt: schöne heile Welt - Big brother is watching you!

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