Tata, Arcelor, Thyssen-Krupp
Der Stahl wird digital

Europas Stahlkonzerne vernetzen ihre Datenströme in Produktion und Logistik. Durch die Digitalisierung könnten sie jährlich Millionen sparen – und auch die eher konservative Kundschaft erkennt allmählich die Vorteile.
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DüsseldorfDie „Solina“ hat eine weite Reise hinter sich: Einmal quer über den Atlantik, durch den Sankt-Lorenz-Strom und dann rein in die großen Seen Nordamerikas, so lässt sich die Route des 30.000-Tonnen-Frachters auf dem Computer-Bildschirm nachverfolgen. Gut 6.000 Kilometer liegen zwischen dem Startpunkt Ijmuiden in den Niederlanden und Zielort Cleveland im US-Bundesstaat Ohio am Ufer des Eriesees. Doch in weniger als 36 Stunden ist es geschafft – Ankunft 18 Uhr Ortszeit steht rechts oben auf der Service-Plattform „Eyefright“ im Kontrollzentrum des niederländischen Stahlwerks von Tata Steel Europe. Dann kann das unter der Flagge der Bahamas fahrende Schiff endlich seine Fracht von 22.000 Tonnen Warmbandstahl löschen.

„Die Kunden wissen jetzt genau, wann die Lieferung eintreffen wird“, sagt Andrew Black, Vertriebsdirektor bei Europas zweitgrößtem Stahlhersteller und dort für das Thema Digitalisierung verantwortlich. „Sie können mit diesen Informationen nun präziser planen, letztlich ihre Lagerhaltung reduzieren und so ihre Wettbewerbsfähigkeit erhöhen.“

Die Rund-um-die-Uhr-Übersicht über den genauen Aufenthalt und die voraussichtliche Ankunft der georderten Ware ist nur ein kleines Mosaiksteinchen einer umfassenden digitalen Strategie der großen Stahlhersteller: Ob Tata Steel, Arcelor-Mittal, Thyssen-Krupp oder Salzgitter – alle Konzerne haben sich auf den Weg gemacht, mit Hilfe digitaler Datenströme ihre Abläufe zu optimieren, um letztlich die Produktivität zu erhöhen und die Kosten für sich und ihre Abnehmer zu senken. Ein nicht zu unterschätzendes Argument bei einer Branche, die seit Jahren mit weltweiter Überproduktion, Import- und Preisdruck zu kämpfen hat. Das Hauptaugenmerk liegt derzeit bei der Auftragsabwicklung und der Logistik.

„Wir müssen schneller und zuverlässiger werden“, sagt Karl-Ulrich Köhler, Europa-Chef von Tata Steel. „Alle sitzen noch auf viel zu großen Lagerbeständen, um ja nicht plötzlich ohne Material dazustehen. Das können wir mit Hilfe neuer Systeme optimieren.“ Köhler macht dabei eine einfache Rechnung auf: Wäre seine Branche in der Lage, über den digitalen Datenabgleich die Vorratshaltung nur um einen Tag zu verringern, ließen sich bei den gewaltigen Mengen des hin- und hertransportierten und gelagerten Stahls allein über die Verringerung des Netto-Umlaufvermögens mehrere Dutzende Millionen Euro freisetzen – Geld, das die klammen Stahlkonzerne gut gebrauchen können.

Genug Motivation, um die Projekte rasch voranzutreiben. Schon in zwei Jahren sollen alle Transaktionen zwischen Stahlhütte und Kunde nur noch digital abgewickelt werden, sagt Black. Also alles zwischen Auftragseingang, Abrechnung und Auslieferung „Das beschleunigt die Abwicklung und mindert die Fehlerquote“, glaubt der Tata-Vertriebsmanager. Menschen sollen in dieser Prozesskette – wenn möglich – kaum noch auftauchen.

Ob die Kunden dem folgen werden, die heute noch gern ihre Stahlträger über Fax oder Telefon ordern? „Unsere Klientel ist sehr konservativ, das stimmt“, sagt Black. „Aber das ändert sich gerade sehr schnell. Die Kunden beginnen, das Potenzial zu erkennen.“ Bei der Stahltochter von Thyssen-Krupp nutzen schon mehrere hundert Kunden und Dienstleister die Vorteile der Vernetzung bei der Abwicklung. Die e-Business-Plattform „Steel Online“ liefert den Abnehmern darüber hinaus 24 Stunden an sieben Tagen alle Informationen über den Status seiner Aufträge.

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