Zum Zukunft der Energie Special von Handelsblatt Online

Agora-Studie

Der schleichende Ausstieg

Wenn Deutschland seine Klimaschutzziele erreichen will, muss laut einer neuen Studie der Ausstieg aus der Kohle bis 2040 besiegelt sein.
43 Prozent des in Deutschland erzeugten Stroms stammen derzeit aus Kohlekraftwerken. Quelle: dpa
Kohlehalde in Kamp-Linfort

43 Prozent des in Deutschland erzeugten Stroms stammen derzeit aus Kohlekraftwerken.

(Foto: dpa)

BerlinNoch stammen 43 Prozent des in Deutschland erzeugten Stroms aus Kohlekraftwerken, davon 25 Prozent aus Braunkohle und 18 Prozent aus Steinkohle. Doch die Jahre der Kohleverstromung sind gezählt. Passend zum Auftakt der Weltklimakonferenz in Paris präsentierte der Thinktank Agora Energiewende am Montag eine Studie mit einer klaren Botschaft: Wenn Deutschland seine Klimaschutzziele erreichen will, muss der Ausstieg aus der Kohle bis 2040 erledigt sein.

Und wenn man dieses Ziel erreichen will, so macht Agora unmissverständlich deutlich, reichen die bisherigen Instrumente zum Klimaschutz, allen voran das europäische Emissionshandelssystem, nicht aus: Es seien daher „zusätzliche Klimaschutzinstrumente auf nationaler Ebene unumgänglich“. Erforderlich sei „eine im Konsens entwickelte langfristige Strategie für einen Kohleausstieg und den damit verbundenen Strukturwandel“, sagte Agora-Direktor Patrick Graichen.

Der Thinktank greift damit eine Forderung auf, die in der vergangenen Woche auch Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) aufgestellt hat, als sie einen Kohleausstiegsplan gefordert hatte. Ziel müsse es sein, innerhalb von 20 bis 25 Jahren, also spätestens bis 2040, das letzte Kohlekraftwerk abzuschalten.

Worum beim Klimagipfel gefeilscht wird
Temperaturziele I
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Kleine Inselstaaten, die vom Anstieg des Meeresspiegels besonders bedroht sind, wünschen sich eine neue Grundverpflichtung. Nach ihren Vorstellungen soll die Erdtemperatur bis 2100 um nicht mehr als 1,5 Grad Celsius im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter steigen. Das wäre ein ehrgeiziges Ziel. Bei der Klimakonferenz in Kopenhagen 2009 hatten die Teilnehmer noch „zur Kenntnis“ genommen, dass die Erdtemperatur um nicht mehr als 2 Grad steigen sollte.

Temperaturziele II
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Selbst wenn die Länder ihre Treibhausgasemissionen so stark reduzieren, wie vor der Konferenz in ihren nationalen Klimazielen angekündigt, würde die Erdtemperatur nach UN-Angaben um etwa 2,7 Grad steigen. Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen UNEP geht sogar von einem Anstieg von drei bis 3,5 Grad Celsius aus. Die Erde hat sich seit 1850 bereits um 0,8 Grad erwärmt.

Lastenteilung
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Historisch haben vor allem die Industrieländer Emissionen in die Luft gepumpt. Doch längst spielen aufstrebende Schwellenländer wie Indien und China eine entscheidende Rolle, wenn man den Temperaturanstieg eindämmen will. Die pochen aber auf ihr Recht, wirtschaftlich zu den reichen Staaten aufzuholen. Einige Experten meinen: Wenn die Konferenz scheitert, dann an diesem Punkt.

Langfristziel
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Der Mensch muss weniger CO2 in die Atmosphäre pusten - soweit herrscht Einigkeit. Doch soll die Weltwirtschaft nun bis Ende des Jahrhunderts ohne CO2-Emissionen auskommen, wie zum Beispiel von den reichen G7-Ländern gefordert? Oder soll der Ausstoß einfach sobald wie möglich den Scheitelpunkt erreichen und dann sinken? Strittig ist zum Beispiel auch, ob das Auffangen und unterirdische Einlagern von CO2 eingerechnet werden darf.

Verbindlichkeit
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Wie verpflichtend werden die Vereinbarungen von Paris? Der gärende Streit wurde Anfang November offenbar, als US-Außenminister John Kerry (Bild) in der „Financial Times“ sagte, die USA würden keine „rechtlich bindenden Klimaziele“ unterschreiben, wie es sie beim Kyoto-Protokoll von 1997 gab. Im Gastgeberland Frankreich sorgte das Interview prompt für Ärger, dort gilt die klare Linie: Das Abkommen muss verbindlich sein.

Nachbessern
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Ihre nationalen Klimaziele legen die einzelnen Länder nach aktuellem Stand ohnehin selbst fest. In Paris geht es damit vor allem um eine Selbstverpflichtung der 195 Länder, regelmäßig und gründlich über ihre Emissionen zu berichten und ihre Klimaziele nach oben anzupassen. Die Lücke soll ein sogenannter Revisionsmechanismus füllen – eine Art regelmäßiges Nachsitzen für die Staaten, um langfristig doch auf das Zwei-Grad-Ziel zu kommen. Die Europäer wollen alle fünf Jahre Bilanz ziehen.

Finanzierung I
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Viele ärmere Staaten machen sich zwar für ehrgeizige Klimaziele stark, darunter auch das Schwellenland Indien (im Bild: Premierminister Narendra Modi). Die Staaten weisen aber darauf hin, dass sie finanzielle Unterstützung von den Industrieländern brauchen. Allein Indien schätzt seinen Bedarf bis 2030 auf knapp 2,5 Billionen Euro.

Klimaschützer begrüßen solche Überlegungen einhellig. Große Teile der Industrie dagegen sind äußerst skeptisch. Sie fürchten steigende Strompreise und sorgen sich um die Verlässlichkeit der Stromversorgung, wenn der Ausstieg aus der Kohle zu rasch vollzogen werden sollte. Denn trotz aller Erfolge beim Ausbau der erneuerbaren Energien: Solange ausreichende Möglichkeiten zur Stromspeicherung fehlen, sind fossile Kraftwerke zunächst unverzichtbar. Denn Sonnen- und Windstrom steht nicht jederzeit in ausreichendem Maße zur Verfügung.

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) hält sich in der Debatte bislang zurück. Das Ministerium, das neben dem Klimaschutz auch die Versorgungssicherheit und die Bezahlbarkeit im Auge behält, teilt mit, es seien keine Planungen für einen Kohleausstieg bekannt. Gleichwohl wird hinter vorgehaltener Hand eingeräumt, dass man sich über eine Exit-Strategie für die Kohle unterhalten müsse, wenn man die Klimaziele ernst nehme. Im Moment stehe das Thema aber nicht zur Debatte.

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