Zum Zukunft der Energie Special von Handelsblatt Online

Cop21 – Mit dem Zug zum Klimagipfel
Eine PR-Show mit Zwangspause

Per ICE reist Umweltministerin Barbara Hendricks nach Paris zum Weltklimagipfel. Der Trip ist eine PR-Aktion – dennoch gerät sie ins Visier von Aktivisten: „Thank you for travelling with Deutsche Bahn.“

Unvorhergesehener Halt des „Train to Paris“: Aktivisten haben bei einem kurzen Zwischenstopp in Frankfurt am Main den Zug blockiert, mit dem Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) zusammen mit anderen Politikern, Unternehmern, Wissenschaftlern und Klimaschützern auf dem Weg in die französische Hauptstadt zu dem am Montag startenden Klimagipfel unterwegs waren. Erst gegen 20 Uhr erreichte der Zug sein Ziel.

Drei Personen seilten sich vom Dach der Bahnhofshalle auf den Zug ab, zwei ketteten sich vor den Zug ans Gleis. Der Gipfel in Paris sei nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems, sagte einer der Zugbesetzer, die eigener Aussage zufolge keiner Organisation angehörten. Auf einem Transparent stand „Klimaschutz statt Stellvertreter-Spektakel“.

Ein Versuch der Ministerin, mit ihnen zu sprechen, brachte keinen Erfolg, sie wurde zum Rücktritt aufgefordert. Polizei und Feuerwehr begannen dann damit, das Zugdach und die Schienen zu räumen. Erst nach knapp drei Stunden unfreiwilligem Aufenthalt setzte sich der Zug wieder in Bewegung.

Am frühen Samstag morgen war die bunte Truppe rund um die Ministerin vom Berliner Hauptbahnhof nach Paris gestartet. 350 Reisende, Politiker, Unternehmer, Wissenschaftler, Klimaschützer, sie alle stiegen gut gelaunt in den ICE.

„Ich freue mich wirklich, die zehn Stunden mit Ihnen zu verbringen“, sagte Hendricks, kurz nachdem sie einige Minuten vor neun Uhr den Sonderzug betrat. „In diesem Sinne“, scherzte die Ministerin, „thank you for travelling with Deutsche Bahn."

Die Botschaft, die von der Zugfahrt ausgehen soll, ist klar: Es wird klimafreundlich zum Klimagipfel gereist. Die Erneuerbaren Energien haben derzeit bei der Bahn einen Anteil von 40 Prozent am Strommix, das heißt, so ganz grün ist auch die Bahn noch nicht unterwegs. Doch für diese Fahrt, sagt Ronald Pofalla, der für Umwelt zuständige Vorstand im Konzern, wurde zusätzlicher Ökostrom eingekauft, „um sicherzustellen, dass die Fahrt CO2-frei erfolgt“.

Mehrere Sonderzüge rollen nach Paris, als Teil einer Kampagne des Internationalen Eisenbahnverbandes (UIC). „Der aus Beijing ist schon zehn Tage unterwegs“, erzählt die Ministerin. 10.439 Kilometer umfasst die Strecke, mit einem Abstecher über Moskau, da sind die 1.075 Kilometer zwischen Berlin und Paris wahrlich ein Vergnügen.

Vor allem bei diesem voll bepacktem Programm. Wie sozial die Öko-Idee ist, wird Heiner Koch, Erzbischof von Berlin, gefragt, wie die Dekarbonisierung der globalen Ökonomie gelingen könnte, Dirk Messner, Direktor des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik. Ingo Speich der Fondsgesellschaft Union Investment spricht über die besondere Rolle des Finanzmarkts. Unternehmer wie Michael Otto, Aufsichtsratsvorsitzender der Otto Group, Karsten Ottenberg, Geschäftsführer BSH Hausgeräte, und Andreas Engelhardt, CEO des Bauzulieferers Schüco International, diskutieren darüber, wie Unternehmen und Politik den Klimaschutz vorantreiben können. Sehr kurzweilig, diese Fahrt, findet die frühere niedersächsische Umweltministerin und heutige Nachhaltigkeitschefin der Kreuzfahrt-Gesellschaft Aida, Monika Griefahn. Jedenfalls bis zum Zwischenfall in Frankfurt.

118 Kilogramm CO2 gespart

Acht Wagen hat der ICE, es herrscht ein Gedränge wie zu Ferienbeginn im Sommer. Es gibt Käsebrötchen und jede Menge Kaffee. In Frankfurt am Main, dort, wo der Zug seinen einzigen Stopp macht, laden die Mitarbeiter der Bahn - bevor die Aktivisten kommen - einen Mittagsimbiss in den Zug.

Zehn Stunden lang, unterbrochen vom Stopp in Frankfurt, geht es in diesem Zug um Klimaschutz. Menschen, die sonst im hektischen Alltag den Flieger bevorzugen und deren Tag in Halbstunden-Intervallen verplant werden, haben mit einem Mal Zeit für ausgeruhte Gespräche. Mit dabei ist auch Thomas Becker, Leiter Politik und Außenbeziehungen beim Automobilkonzern BMW. Er will sich vor allem mit anderen Unternehmern über Klimaschutz austauschen, sagt er: „Wie machen es die anderen?“

Das Thema CO2-Einsparung müsse „sexier" gemacht werden, meint Gunther Gamst vom Klimaanlagenhersteller Daikin. Für ihn heißt das darzustellen, dass das Ganze auch wirtschaftlich etwas bringt. Wie die Bahn und Aida gehört auch Daikin zur Stiftung 2 Grad, ein Zusammenschluss von Unternehmern, die Klimaschutz nicht als etwas Überflüssiges abtun, sondern ganz oben auf der Agenda stehen haben.

Wobei, ein großer Wandel ist ja bereits vollbracht. Wer jetzt noch für Kohle eintrete, der habe doch längst ein Legitimationsproblem, sagte Dirk Messner, Direktor des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik. Vor zehn Jahren sei das noch genau umgekehrt gewesen. Da galten die, die für Klimaschutz eintraten, als seltsame Wesen.

Die Mehrheit der Unternehmen, so Messner, habe es verstanden, dass der Klimawandel eine Herausforderung für die Menschen sei. Trotzdem: in den Köpfen sei immer noch stark verbreitet, dass Dekarbonisierung, also die Abkehr von fossilen Energien, Jobs und Wohlstand vernichte. Deswegen seien Vorreiterrollen wie die Stiftung 2 Grad so wichtig. „Es geht jetzt um die Verbreitung der Dynamik.“

Das dürfte alles andere als einfach sein. Aus Messners Sicht geht es um nichts weniger als um ein neues Zeitalter der Aufklärung des Menschen: „Die Art und Weise, wie wir wirtschaften, müssen wir aus völlig neuer Perspektive betrachten.“

Bei Ankunft in Paris, Gare de l'Est, wird jeder Reisende im Vergleich zu einem Flug 118,5 Kilogramm CO2 weniger verbraucht haben - ein guter Auftakt zum Weltklimagipfel. Jetzt sind die Staats- und Regierungschefs dran und ihre Verhandler, für ein verbindliches Abkommen zu sorgen, das die Erderwärmung in Schach hält.

Silke Kersting
Silke Kersting
Handelsblatt / Korrespondentin
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