Zum Zukunft der Energie Special von Handelsblatt Online

Klimagipfel in Paris
„Es geht um Menschenleben“

Unternehmen müssen in Zukunft über ihre KIimabilanz genauso berichten wie über ihre Finanzen – das ist eines der Ergebnisse von Paris. Und: Arbeitsplätze gelten nicht mehr zwangsläufig als Entschuldigung.

Die Szene könnte kaum belangloser scheinen: Zwei Männer sitzen in schwarzen Ledersesseln nebeneinander, ein dritter interviewt sie. Doch vielleicht wird diese dreiviertel Stunde am Freitag in einem der Säle auf der Pariser Klimakonferenz COP 21 in ein paar Jahren als einer der Schlüsselmomente im Kampf gegen den Klimawandel bewertet.

Denn was Mark Carney, Gouverneur der Bank von England und Chef des Financial Stability Board (FSB) gemeinsam mit dem früheren New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg verkündet, hat es in sich: Große Unternehmen werden künftig nicht nur detailliert über ihre finanzielle Lage berichten müssen sondern auch über ihre Klimabilanz. Wie viel Klimagifte stoßen sie aus, wo stehen sie mit Blick auf die Anpassung an nationale Verpflichtungen zur Verringerung der CO2-Emissionen, können und werden sie in einer Welt funktionieren, die „net zero“ ist, wie die Amerikaner knapp sagen, in der es also keine Emissionen von Gasen mehr geben wird, die zur Aufheizung der Atmosphäre führen?

„Derzeit gibt es keine wirklich verlässliche, konsistenten Informationen darüber, wo das einzelne Unternehmen steht“, stellte Carney am Freitag fest: „Ein Drittel der 1000 größten Unternehmen der Welt veröffentlicht die CO2-Bilanz, den ökologischen Fußabdrucks, aber nicht nach einer einheitlichen Systematik, über die anderen weiß man nichts.“ Es gebe 400 Organisationen, die den Beitrag von Unternehmen zum Klimawandel einzuschätzen versuchten, doch sei die Systematik nicht frei von Widersprüchen. Das FSB wird nun eine „Climate Change Disclosure Task Force“ einrichten, die Bloomberg leitet. Ihr Ziel: „Aus einer Hand alle klimarelevanten Informationen über einzelne Unternehmen zu liefern, damit ein Markt für den Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft entstehen kann.“

Man könne ein Anhänger starker Maßnahmen gegen den Klimawandel sein oder vielleicht sogar zu der Minderheit zählen, die diesen immer noch leugnet, „aber was niemand ignorieren kann, ist die Reaktion des Kapitalmarktes“, urteilt Carney. Der werde künftig beurteilen, wie riskant ein Unternehmen sei mit Blick auf die Anpassung an den Klimawandel, „die Investoren werden ihr Urteil fällen über die Frage: Hat ein Unternehmen eine Strategie zur Vorbereitung auf eine kohlenstoffarme Wirtschaft oder nicht. Und wenn das Urteil negativ ausfällt, werden die Kapitalkosten für dieses Unternehmen steigen“, erwartet der FSB-Chef. Das FSB werde aber nicht vorschreiben, wie die Finanzwirtschaft reagieren müsse, „das muss sie selber entscheiden, etwa mit Blick auf das Kreditrisiko, das ein Unternehmen mit einem großen CO2-Fußabdruck darstellt.“

Die Task Force werden keine Beamten, sondern die Privatwirtschaft tragen. Sie wird im Auftrag der 20 reichsten Länder (G20) und des FSB einen Standard für die Klima-Berichterstattung schaffen, so wie es heute bereits Standards für die finanzielle Rechnungslegung gibt. Die Regulierer werden dann entscheiden, welche Unternehmen den anwenden müssen. „Es geht um leicht zugängliche Informationen, die es dem Markt erlauben werden, sich ein Urteil zu bilden über das Klima-Risiko eines Unternehmens“, ergänzt Bloomberg.

Bloomberg, politisch ein Konservativer, erregte sich über die Reaktion mancher Vertreter der Kohleindustrie: „Sie warnen vor dem Verlust von Arbeitsplätzen, aber erstens ist die Kohleindustrie heute nicht mehr arbeitsintensiv, und zweitens geht es hier um Menschenleben: Wenn wir durch Verzicht auf Emissionsminderung einen Arbeitsplatz in der Kohleindustrie retten könnten, aber fünf Menschen sterben, wäre das etwa ein guter Austausch?“

Der Gründer des gleichnamigen Medienkonzerns verwies auch auf die bigotte Reaktion mancher Unternehmen: „Philip Morris stellt Zigaretten her, hat in seinen Büros aber das Rauchen verboten, und manche Unternehmen in den USA fördern und exportieren Kohle, setzen sich aber für die Schließung von Kohlekraftwerken in ihrer Umgebung ein, damit die Luft besser wird.“

Carney erinnerte daran, dass im Rahmen der G20 der Gedanke entstanden ist, die Gefahr des Klimawandels für den Finanzsektor zu untersuchen. „Die Aufheizung der Atmosphäre stellt eine systemisches Risiko für den Finanzmarkt dar“, sagte der Gouverneur. Denn noch wisse man nicht, ob die Investoren „schrittweise oder abrupt“ reagieren werden, „wir wollen aber nicht, dass sie sich abrupt aus bestimmten Unternehmen oder Sektoren zurückziehen und damit eine Krise auslösen“, versicherte der Gouverneur. Die neuartige Form der Rechnungslegung werde eine graduelle Anpassung ermöglichen an eine Wirtschaft, die „Klimarisiken mindert und neue Möglichketen, neue Chancen honoriert“.

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris
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