Zum Zukunft der Energie Special von Handelsblatt Online

Weltklimagipfel in Paris
Viel ist noch nicht genug

Fatih Birol, Exekutivdirektor der Internationalen Energieagentur, beschreibt vor dem Gipfel in Paris, was in der Klimapolitik passieren muss. Im Zentrum aller Anstrengungen sieht er den Energiesektor. Ein Gastkommentar.

Der 21. Weltklimagipfel der Vereinten Nation in Paris (COP 21) ist ein wichtiger Meilenstein im Kampf gegen den Klimawandel. Seit dem ersten Weltklimagipfel im Jahr 1995 ist der globale Ausstoß von Treibhausgasen um mehr als ein Viertel gestiegen. Der Spielraum, der beim Kohlenstoffdioxid verbleibt, um die Erhöhung der globalen Durchschnittstemperatur auf zwei Grad Celsius zu beschränken, nimmt immer weiter ab, während sich gleichzeitig wissenschaftliche Belege über die gravierenden Auswirkungen des Klimawandels auf die Weltbevölkerung häufen.

Der Energiesektor ist der Hauptverursacher von Treibhausgas. Er steht deshalb im Zentrum aller Anstrengungen. Die gute Nachricht ist, dass von dort zunehmend ermutigende Zeichen kommen, ein Wandel sei möglich.

Im Jahr 2014 erreichte der globale Zubau an erneuerbaren Energien mit 130 Gigawatt ein neues Rekordhoch – die Hälfte aller in diesem Jahr neu gebauten Kraftwerkskapazitäten. Die Investitionen dafür lagen bei rund 270 Milliarden Dollar und wurden vor allem in China, den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union getätigt.

Energiesektor vor großen Herausforderungen

Auch in puncto Energieeffizienz gibt es gute Nachrichten. Der Anteil des globalen Endenergieverbrauchs, der politischer Regelung unterlag, um mehr Energieeffizienz zu erreichen, lag 2014 bei 27 Prozent. Das ist fast doppelt so viel wie 2005. Zudem ging in Kanada das erste kommerziell betriebene Kraftwerk mit CO2-Abscheidung und -Nutzung ans Netz, während die Europäische Union im Jahr 2015 ihr Emissionshandelssystem reformiert hat und China ankündigt, im Jahr 2017 ebenfalls ein Emissionshandelssystem einzuführen.

Handelsblatt-Spezial: Wo steht die Welt?
Der Klimawandel nimmt keine Rücksicht auf Grenzen. Er geht alle an. Deshalb hat sich das Handelsblatt mit Partnermedien aus der ganzen Welt zusammengetan, um zu recherchieren: Wo auf dem Globus finden sich die cleversten Einzelprojekte, um die Erderwärmung zu begrenzen? Und wo steht die Welt kurz vor dem Klimagipfel in Paris Ende November? Das Handelsblatt gibt in einem Spezial auf 12 Seiten Antworten.


Lesen Sie unter anderem:
  • Vorbild Deutschland: Trotz vieler Schwächen – die deutsche Energiewende zeigt, dass der Umstieg auf grüne Energie machbar ist.
  • Klimawandel, Flucht und Terror: Warum die Erderwärmung auch ein Risiko für unsere Sicherheit bedeutet.
  • Executive Summaries: 11 Klimaprojekte für eine bessere Welt.

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    Eine langfristige Transformation des Energiesektors muss jedoch auch langfristig angelegt werden. Die Entscheidungen, die während COP 21 in Paris und danach getroffen werden, müssen daher die Erfordernisse ebenso wie die Verantwortung des Energiesektors ins Zentrum stellen. Nur so werden seine vielfältigen Akteure von der Entschlossenheit der Politik überzeugt, das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen.

    Der Energiesektor steht vor großen Herausforderungen: Neben der Senkung der Emissionen muss er das Wirtschaftswachstum unterstützen, Versorgungssicherheit gewährleisten und weltweit Milliarden Menschen den fehlenden Zugang zu modernen Energiedienstleistungen verschaffen. Wenn der Energiesektor die notwendigen Investitionen tätigen soll, benötigt er klare Ziele von COP 21. Ein Abkommen, dass den Energiesektor nicht ins Zentrum stellt, riskiert, ein Fehlschlag zu werden.

    Neue Maßnahmen zur Senkung von Emissionen

    Nationale Klimaschutzziele, sogenannte Intended Nationally Determined Contributions, sind die Basis von COP 21. Sie enthalten auch die Senkung des Ausstoßes von Treibhausgasen. Der politische Wille, der hinter ihnen steht, ist beeindruckend: gut 160 Länder haben inzwischen ihre Klimaziele vorgelegt. Rund die Hälfte aller nationalen Ziele enthält explizite Ziele für den Energiesektor, entweder als Teil eines Emissionsziels oder als eigenständiges Ziel. Die am häufigsten genannten energiebezogenen Maßnahmen zielen auf den Ausbau erneuerbarer Energien oder auf die Verbesserung der Energieeffizienz.

    Hinzu kommen andere Maßnahmen zur schnellen Senkung von energiebezogenen Emissionen, wie zum Beispiel die geringere Nutzung ineffizienter Kohlekraftwerke, das Senken der Methanemissionen in der Öl- und Gasförderung, die Reform von Subventionen für fossile Brennstoffe und die Einführung von CO2-Preisen. Seltener erwähnt werden technische Optionen wie die Kernenergie, CO2-Abscheidung und -Speicherung sowie alternative Treibstoffe für den Transportsektor, die bei der langfristigen Dekarbonisierung des Energiesektors eine Rolle spielen können.

    Wie neue Analysen der Internationalen Energieagentur (IEA) in ihrem World Energy Outlook Special Briefing for COP 21 zeigen, kann die Verwirklichung der Klimaziele das Wachstum des Ausstoßes von globalen energiebezogenen Treibhausgasen deutlich reduzieren: Der Anstieg der Emissionen bis 2030 würde nur ein Drittel des Wachstums von 2000 bis heute betragen. Bis zum Jahr 2030 würden diese Emissionen dann in einer Vielzahl von Ländern stagnieren oder bereits zurückgehen – unter anderem in der Europäischen Union, den Vereinigten Staaten, China, Japan, Korea und Südafrika. Damit würden auf Ebene der nationalen Ziele das Wirtschaftswachstum und Emissionen in einer wachsenden Zahl Länder entkoppelt, so dass die spezifischen Emissionen pro Einheit Wirtschaftsleistung im Jahr 2030 um 40 Prozent niedriger wären als heute.

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