Um diese Reputation zu bekommen, muss man sich beteiligen, kommentieren oder bloggen. Können die Unternehmen das leisten?
Kommunikation ist immer extrem aufwendig, und Interaktion ist das Aufwendigste überhaupt. Bisher waren alle Fortschritte der modernen Gesellschaft solche, die uns Interaktion erspart haben. Die Kommunikationsgesellschaft hat durch die Massenmedien im Wesentlichen Kommunikation an die Stelle von Interaktion gesetzt, aber jetzt wird die Kommunikation selbst wieder interaktiv.
Was die Sache allerdings gefährlich macht. Sollte, wer das neue Web nicht versteht, nicht besser die Finger davon lassen?
Web 2.0 ist eine Form der Jugendkultur, und jeder Organisation droht immer die Lächerlichkeit, wenn sie versucht, mit einer Jugendkultur Kontakt aufzunehmen. Die Peinlichkeit ist sehr wahrscheinlich, das erspart aber nicht das Experiment. Daher muss man Vorkehrungen treffen und die einfachste wäre, sich erfolgreiche Rhetoriker des Internets zu kaufen, was ja auch geschieht.
Aber viele Blogs sind lediglich Nischenangebote. Wie kann man damit Massen erreichen?
Bei allen Erscheinungen wirkt die Logik der Netzwerke, die man am besten mit der Pareto-Verteilung modellieren kann. 20 Prozent der Blogs ziehen 80 Prozent aller Aufmerksamkeit auf sich. Dann gibt es einen unendlich langen Schwanz an Blogs, die mit immer geringerer Aufmerksamkeit rechnen müssen, bis hin zum Senden ins Nichts. So gibt es supererfolgreiche Blogs, die wieder zu Massenmedien werden, und andere ohne Auditorium, die den Charakter von Briefen annehmen. In dieser Verteilung löst sich der Traum auf, der hinter der Blogger-Idee steht, nämlich die radikaldemokratische Kollaboration der Weltautorenschaft.
Web-2.0-Check: Heute schon Del.icio.us geflickert?
Sie sagen Weltautorenschaft. Wie verlässlich sind denn diese Autoren? Nutzen Sie solche Informationen?
Aus Blogs ziehe ich überhaupt keine Informationen. Ich benutze aber sehr häufig Wikipedia, weil es ein wunderbares Sprungbrett in jedes Thema ist, und ich war bisher selten enttäuscht. Ansonsten nutze ich wie jeder andere auch die Suchmaschinen.
Die ein machtvolles Informationsmonopol besitzen. Zeigt diese Datenkonzentration nicht die Risiken der neuen Netzwelt?
Es ist mir noch nie gelungen, die ganze Aufregung um den Datenschutz zu verstehen, denn ich assoziiere mit meiner eigenen Existenz nicht viel Geheimes. Daher ist es eher lästig als gefährlich, wenn die Daten verkauft werden und man mir irgendwelche Werbung zuschickt. Spam ist eine Riesenschweinerei. Wenn man dagegen einmal ganz pathetisch vorginge, nähme ich sogar noch mal an einer Demonstration teil.
Also besteht keine Gefahr auf der Datenautobahn?
Vielleicht werde ich noch mal eines Besseren belehrt und muss sehen, dass es doch um Orwellsche Dimensionen geht. Ich sehe aber die Gefahr immer eher aus der Huxley-Ecke kommen. Das Problem wird sein, dass wir durch Glücksangebote geknechtet werden und nicht durch Überwachung.
Bei Huxleys "Schöner Neuer Welt" heißt die Glücksdroge Soma. Sind die Online-Spiele das heutige Soma?
Ich habe das Gefühl, der Teufel hext uns die Zeit ab. Er zeigt sich nur noch als das Wesen mit den wunderbaren Glücksangeboten, die nur eines kosten: Lebenszeit. Es ist klassisch für den Teufel zu sagen: "Gib mir nur ein bisschen Zeit von deinem Tag, von deiner Woche, deinem Leben, dann kannst du Herrscher in anderen Welten sein, kannst in Paralleluniversen die tollsten Leute kennen lernen."
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