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14.05.2007 
Elektrischer Reporter

Netz-Nostalgiker

von Mario Sixtus

Wer das Internet nicht kapiert, schreibt über Second Life oder eröffnet dort eine Filiale. Genau, wie in der Zeit vor dem Internet. Wirtschaft und Werbeindustrie jubilieren: Endlich Schluss mit diesem merkwürdigen Internetz-Dings. Second Life – ein Zufluchtsort für Ewiggestrige.

DÜSSELDORF. „Schriftsprache ist das Latein unserer Zeit“, sinnierte jüngst der US-Rechtsprofessor und Internet-Experte Lawrence Lessig. Nur noch eine kleine Elite forme sich ihr Weltbild mit Hilfe von Geschriebenem. Bunte Bilder hätten Texte längst als wichtigstes Informationsmittel abgelöst.

Bunte Bilder sind auch der Sprit, der das momentane Über-Hype-Thema befeuert: Second Life. Vollbusige Avatare in knappen Kleidchen gehen halt immer als Artikel-Illustration und endlich kann sich auch das Fernsehen auf ein Internet-Thema stürzen, ohne auf die ewig gleichen Mausklick- und Tastaturklapper-Zwischenschnitte aus dem Archiv zurückzugreifen. Während Plattformen und Dienste der zweiten Web-Entwicklungsstufe ein Niveau erreicht haben, das sämtlichen Metaphern aus der physischen Welt hartnäckig trotzt und somit Journalisten vor völlig neue Aufgaben stellt, geht es in Second Live endlich wieder um Dinge, von denen jeder glaubt Ahnung zu haben: Geld und Sex. Schein und Sein.

Kein Wunder, dass auch Wirtschaft und Werbeindustrie jubilieren. Jahrelang haben sie sich dieses merkwürdige Internetz-Dings angeschaut, in dem nichts so funktioniert, wie in den guten alten Massenmedien. „Märkte sind Gespräche“, mussten sie sich vom Cluetrain-Manifest belehren lassen, das sie obendrein aufforderte, ihre in den letzten 100 Jahren antrainierten Marketing-Methoden über Bord zu werfen. Sollte künftig wirklich nichts mehr so sein wie früher? Eine furchtbare Vorstellung.

Das Auftauchen von Second Life muss zu einem kollektiven Aufatmen in den Marketing-Abteilungen dieses Planeten geführt haben. Endlich kann man auch im Internet so weitermachen, wie in der guten alten Zeit vor dem Internet. Man kann Plakate aufstellen, Filialen eröffnen, Werbespots auf riesigen Leinwänden ausstrahlen und sogar Verkaufspartys veranstalten. Toll. Ganz, wie damals.

Das beste: Sogar die Presse hat man endlich wieder auf seiner Seite. Die Eröffnung eines Zeitschriftenladens in Bad Salzuflen ist wahrscheinlich noch nicht mal der dortigen Lokalzeitung eine Notiz wert, stellt „Vanity Fair“ hingegen einen einsamen Zeitungskiosk in Second Life auf, verbreiten die Agenturen das als Nachricht.

Man könnte meinen, Linden Labs hätte Second Life als Beruhigungsmittel für Zukunftsscheue entwickelt: Hier ist das Leben im Netz auch für all jene zu begreifen, die das Netz nie begriffen haben.

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