
Ein eminent schlechtes Gewissen plagt jeden halbwegs ökologisch sozialisierten Europäer, wenn er den Winter in einer russischen "Chruschtschowka" verbringen muss. Die fünfstöckigen Plattenbauten, benannt nach Ex-Sowjetchef Nikita Chruschtschow, sind hässlich, hellhörig und kaum isoliert. Derweil bollert die Heizung auf vollen Touren.
Die Raumtemperatur lässt sich mangels Thermostat auch bei minus 20 Grad nur regulieren, indem man die Fenster öffnet. Das gilt besonders, wenn der Vermieter Kunststofffenster eingebaut hat. Denn die Heizer im Kraftwerk unterstellen - zu Recht -, dass in den meisten Häusern noch Holzfenster stecken.
Was dem deutschen Öko weh tut, ficht den russischen Verbraucher nicht an. Ist Hausfrau Ljudmila die Küche zu kalt, heizt sie nach und zündet alle vier Flammen des Gasherds. Warum auch nicht? Energie kostet in Russland ein paar Kopeken; das rohstoffreiche Land ist seit Jahrzehnten eine nahezu kostenlose Energieversorgung gewohnt. Billiger Strom und günstiges Gas sind für die Russen so selbstverständlich wie die Rückkehr von Premier Wladimir Putin ins Präsidentenamt. Und im Kreml wagt es - dem Machterhalt wegen - niemand, der Bevölkerung höhere Energiepreise zuzumuten.
In Sachen Energieeffizienz ist Russland ein Entwicklungsland. Jedes Jahr wird im größten Flächenstaat der Erde mehr Energie verschwendet als ein Industrieland der Größe Frankreichs verbraucht. Wie will es die Regierung in Moskau da schaffen, den Energieverbrauch bis zum Jahr 2020 um mindestens 40 Prozent zu senken?
"In der Kommunalwirtschaft ist es in der Tat nicht leicht, die Energieeffizienz zu steigern", sagt Stephan Kohler, Chef der Deutschen Energie-Agentur (dena). Investitionen in neue Heizungsanlagen scheiterten schon an den Besitzverhältnissen: Die Wohnung gehöre Privatleuten, das Gebäude manage ein Unternehmen, die Heizungsanlage im Keller stehe im staatlichen Besitz - "und niemand investiert in fremdes Eigentum", sagt Kohler.