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AKW-Katastrophe in Japan: „Dieses Krisenmanagement ist bösartig“

exklusiv Die Verwirrung um die Situation in Fukushima ist auch Folge einer verfehlten Informationspolitik. Sebastian Pflugbeil, Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz, über das katastrophale Krisenmanagement der Japaner.

"Wie schlimm es wirklich ist, werden wir erst in drei oder vier Jahren mit Sicherheit sagen können." - Sebastian Pflugbeil, Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz. Quelle: dpa
"Wie schlimm es wirklich ist, werden wir erst in drei oder vier Jahren mit Sicherheit sagen können." - Sebastian Pflugbeil, Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz. Quelle: dpa

Herr Pflugbeil, am Montag hat die japanische Regierung eine "teilweise Kernschmelze" in Fukushima eingeräumt. Was ist darunter zu verstehen?

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Damit wird versucht, den Begriff Kernschmelze durch ein Attribut etwas netter zu machen. Das gleiche gilt auch für den Begriff „vorübergehende Kernschmelze“. Eine Kernschmelze ist immer vorübergehend. Was im Inneren der Rektoren abläuft, weiß momentan niemand – doch das, was man von außen messen kann, ist schlimm genug. Es hat zum jetzigen Zeitpunkt in mindestens drei, wahrscheinlich aber vier Reaktoren eine Kernschmelze gegeben. Wie schlimm es aber wirklich ist, werden wir erst in drei oder vier Jahren mit Sicherheit sagen können.

Wie beurteilen Sie das Krisenmanagement der japanischen Regierung und der Betreiberfirma Tepco?

Ich halte es für dilettantisch und bösartig. Die Auskünfte aus der Anlage sind äußerst dürftig. Die Internationale Atomenergiebehörde IAEA führt Messungen durch und veröffentlicht sie, die Regierung tut das nicht in ausreichendem Maße – das hat es noch nie gegeben. Die Amerikaner haben Messungen durchgeführt, die sie nicht veröffentlicht haben und danach eine Evakuierung von 80 Kilometern rund um das Kraftwerk empfohlen. Das halte ich auch für unbedingt empfehlenswert.

Die japanische Regierung spricht von 20 Kilometern rund um das Kraftwerk – aber es sind immer noch Menschen dort. So eine Evakuierung muss generalstabsmäßig durchgeplant werden. Ich weiß nicht, warum das nicht geschieht. Vielleicht ist die japanische Regierung noch zu sehr mit den Folgen des Tsunamis beschäftigt. Für die Leute, die sich im Bereich um das Kraftwerk noch aufhalten, ist das fatal. Sie bekommen nicht die Informationen, die sie dringend brauchen.

Welche anderen Fehler wurden gemacht?

Es ist beispielsweise ärgerlich und dumm, dass die japanische Regierung einer russischen Delegation von Tschernobyl-Experten die Einreise verweigert hat. Die Erfahrungen und Fehler, die damals gemacht wurden, sind niemals veröffentlicht worden. Die haben russischen Fachleute aber im Kopf. Vielleicht hat die Weigerung der Japaner etwas mit einem kulturell bedingten Ehrgefühl zu. Aber so etwas muss in einer derart ernsten Krisensituation zurücktreten. Da wurde eine erhebliche taktische Dummheit begangen.

Glauben Sie, dass die Außenhülle von einem der Reaktoren beschädigt ist?

Das lässt sich momentan nicht mit Sicherheit sagen. Es ist nicht ganz klar, woher die erhöhten Strahlenwerte im Meerwasser kommen. Es ist auch möglich, dass die Abklingbecken, in denen die ausgebrannten Brennstäbe abgekühlt werden, einen Riss haben. Doch die Nachrichten werden von Tag zu Tag schlimmer. Diese Krise ist noch lange nicht ausgestanden.

Vielen Dank für das Gespräch!

  • 28.03.2011, 16:52 UhrAnonymer Benutzer: Peter

    @tbhomy & Pierre Das ist richtig, rettet uns aber im Ernstfall nicht das Leben.
    Ob es die Kernkraftbetreiber hören wollen oder nicht, wir brauchen in Europa für die Bewältigung solcher Situationen modernes Gerät und geschultes Personal, das sich im Ernstfall geschützt und bestens ausgerüstet weiß und nicht geopfert werden soll. Entsprechende Technik muss, soweit nicht vorhanden, umgehend entwickelt werden. Wir geben Milliarden für die Verteidigung aus, bauen Eurofighter, die auf Knopfdruck allein auf ihrer Basis landen können, und verfügen nicht über fernsteuerbare Hubschrauber, fernsteuerbares Räumgerät, Bagger oder Kräne, um einen außer Kontrolle geratenen Meiler schleunigst zuschütten zu können? Mindestens für einen Notfall müssen die Gerätschaften und Bedienung vorgehalten werden und europaweit transportabel und kurzfristig einsetzbar sein. Selbstverständlich auf Kosten aller KKW-Betreiber.

  • 28.03.2011, 16:36 UhrAnonymer Benutzer: Pierre

    @tbhomy Ein Kernkraftwerk wäre bereits ohne diese Maßnahmen unrentabel, wenn für diese Technik gelten würde, was für jedes Auto gilt: Pflicht zum Abschluss einer risikogerechten Haftpflichtversicherung mit ausreichender Deckungssumme auf Kosten des Halters.

    Nur durch die indirekte Subventionierung in Form einer de-facto-Haftung der Allgemeinheit (die Deckungssume der AKW-Haftpflichtversicherung liegt bei grotesken 256 Mio Euro) entsteht die Illusion, diese Hochrisikotechnik sei günstig.

  • 28.03.2011, 16:22 Uhrmotuslupi

    Endlich mal ein sachlicher Beitrag :-)

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