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PIK-Chef Schellnhuber im Interview: „Mit der Natur kann man nicht verhandeln“

exklusiv Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und wichtigster Klima-Berater der Bundesregierung, über die Kosten des Klimawandels - und über Indiens Rolle als möglicher Wegweiser aus der Klimafalle.

"Mit der Natur kann man nicht verhandeln": Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Foto: DBU Quelle: Deutsche Bundesstiftung Umwelt -DBU
"Mit der Natur kann man nicht verhandeln": Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Foto: DBU Quelle: Deutsche Bundesstiftung Umwelt -DBU

Können wir den Klimawandel überhaupt noch aufhalten oder müssen wir uns darauf beschränken, seine Folgen zu beherrschen?

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Wir müssen auf eine Doppelstrategie setzen: das Unbeherrschbare vermeiden und das Unvermeidliche beherrschen. Klar ist: Jedes Zehntelgrad Erderwärmung, das wir vermeiden, erspart uns ungeheuere Kosten und rettet Menschenleben. Unsere erste Priorität muss daher sein, den Klimawandel in beherrschbaren Grenzen zu halten.

Was bedeutet „beherrschbare Grenzen“?

Die Beweislast ist erdrückend, dass bei einer Erwärmung über zwei Grad Celsius gegenüber vorindustriellem Niveau die Folgen kaum noch zu bewältigen sind. Bei einer höheren Erwärmung gerieten wir in Bereiche, die jenseits all dessen wären, was wir in den letzten 20 Millionen Jahren hatten.

Allein der Anstieg des Meeresspiegels würde bei einer Erwärmung über zwei Grad nicht mehr beherrschbar. Bei drei bis vier Grad Erderwärmung könnte er, je nach Weltregion, um 15 bis 20 Meter steigen. Schon bei einem Meter Anstieg – bis zum Ende des Jahrhunderts ein durchaus realistisches Szenario – hätten wir immense Kosten zu tragen: Wir müssten etwa eine Million Kilometer Küstenlinie weltweit verteidigen. Bei Baukosten von üblicherweise einer Million Euro pro Deichkilometer würden uns allein diese Schutzmaßnahmen eine Billion Euro kosten. Bei einem Anstieg von mehr als einem Meter wären diese Küsten unrettbar verloren.

Die zwei Grad als absolutes Maximum dessen, was man sich als politisches Ziel setzen sollte, sind also aus wissenschaftlicher Sicht gut begründet.

Als Berater der Bundesregierung und damit auch von Kanzlerin Angela Merkel gelten Sie als ein Wissenschaftler, dessen Wort in der Politik Gewicht hat. Haben Sie den Eindruck, dass die politische Klasse angemessen auf den Klimawandel reagiert?

Angemessen im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Der Koalitionsvertrag zwischen Union und FDP etwa ist in Hinsicht auf den Klimaschutz nicht schlecht. Er markiert einen Kompromiss zwischen dem, was die Politik dem Bürger und der Wirtschaft zumuten will und den Zielen des Klimaschutzes. 40 Prozent CO2-Reduktion bis 2020 gegenüber dem Wert von 1990 – das ist durchaus keine Kleinigkeit. Auch das Ziel eines Anteils von 20 Prozent erneuerbarer Energien ist ein ehrgeiziges Ziel, wenn Sie es etwa mit anderen europäischen Ländern vergleichen. Das alles ist sehr sinnvoll.

Das Problem dabei: All das reicht nicht aus. Wenn Sie die Geschwindigkeit der politischen Entscheidungsprozesse mit der Geschwindigkeit vergleichen, in der sich das Zeitfenster für Maßnahmen gegen den Klimawandel schließt, dann ist das Tempo der Politik nicht adäquat. Es ist aber das Tempo, in dem die politische Maschinerie üblicherweise arbeitet.

Hier haben wir ein Dilemma: Der Politiker bewegt sich innerhalb seines Systems adäquat, wir haben aber mit dem Klimawandel ein singuläres Phänomen vor uns, eine Ausnahmesituation, vergleichbar etwa mit einem Krieg. Die Frage ist also: Können wir unsere gesellschaftlichen Kräfte so bündeln, wie es einer derartig extremen Krisensituation angemessen wäre?

Für einen Politiker ist das nur schwer umsetzbar, weil er dafür kaum Unterstützung beim Wähler finden würde. Wir können nur darauf hoffen, dass sich einige Führungspersönlichkeiten finden, die das Gewicht des Problems erkennen und bereit sind, Maßnahmen zu ergreifen, die weit über die alltägliche politische Arbeit hinausgehen. Denken Sie an Nelson Mandela, der bereit war, seine persönliche Freiheit zu opfern, um die Apartheid zu bekämpfen. Die spannende Frage wird sein, ob es heute Persönlichkeiten auf der politischen Ebene gibt, die mit vergleichbarer Entschlossenheit den Klimaschutz auch gegen größten Widerstand durchsetzen.

Sie denken in diesem Zusammenhang an den amerikanischen Präsidenten Obama?

In der Tat. Er ist für viele Menschen die Projektionsfläche für diese Art von „Leadership“. Daher wäre seine Teilnahme am Klimagipfel in Kopenhagen so wichtig. Aber ob er da sein wird, steht nach meinen Informationen noch nicht fest.

Nehmen wir einmal an, die Politik erweist sich als unfähig, das Problem Klimawandel zu lösen. Welche Möglichkeiten haben wir noch, auf das Klima Einfluss zu nehmen – etwa durch Geo-Engineering?

Zunächst einmal wäre es eine absolute Bankrotterklärung der Politik, wenn sie eine internationale Zusammenarbeit, wie wir sie bei der Lösung der aktuellen Finanzkrise gesehen haben, nicht auch beim Klimaschutz zustande brächte. Denn gegen den Klimawandel ist die Finanzkrise ein Randproblem. Wenn Sie diesen Planeten unter Wasser setzen, ist die Prosperität der Finanzmärkte auch nicht mehr gesichert.

Wir sollten also zunächst versuchen, durch völkerrechtlich wirksame Verträge – Kyoto war da nur eine Fingerübung – wirksame Maßnahmen zur Verhinderung des Klimawandels festzuschreiben. Irgendwelche Frankenstein-Maßnahmen, mit denen wir an der Erde herumklempnern, wären allenfalls ein letzter Ausweg, wenn alle anderen Möglichkeiten versagt haben.

Wissenschaftlich sind Ideen wie die Eisendüngung der Ozeane oder das Einbringen von Schwefel in die Atmosphäre problematisch, weil sie zum einen unkalkulierbare Nebenwirkungen nach sich ziehen können, zum anderen aber, weil sie ein Grundproblem nicht lösen: die Versauerung der Ozeane. Denn ein großer Teil des CO2, das wir in die Atmosphäre einbringen, gelangt in die Meere und verändert deren Chemie massiv. Und dagegen hat auch das Geo-Engineering kein passendes Rezept.

Könnte uns Indien einen Weg aus der Klimafalle weisen? In einer Klimastudie des wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung, dem Sie angehören, schneidet das Land sehr gut ab.

In der Tat könnte Indien eine Schlüsselrolle in der künftigen Klimapolitik spielen. Der Budgetansatz, den wir entwickelt haben, geht von einer globalen Gesamtmenge an CO2-Emissionen aus, die bis zum Jahr 2050 nicht überschritten werden darf, will man das Ziel einer Erderwärmung um maximal zwei Grad nicht gefährden. Diese Gesamtmenge wird gleichmäßig pro Kopf auf die Gesamtbevölkerung der Erde verteilt. Im Ergebnis könnten diese nationalen CO2-Budgets die Grundlage eines globalen Emissionshandels bilden. Denn während viele Industrieländer – darunter auch Deutschland – ihre Budgets schon zu einem Großteil aufgebraucht haben, verfügen einige Staaten noch über nahezu unangetastete CO2-Budgets.

Indien nimmt im Kreis der Nationen, die noch in großem Umfang Kohlenstoffkredit bei der Natur haben, eine Sonderstellung ein – sowohl aufgrund seiner Wirtschaftskraft als auch seines Bevölkerungsreichtums. Der wirtschaftliche Aufschwung des Landes beruht vor allem auf dem Einstieg in eine Dienstleistungswirtschaft, etwa im Unterschied zu China, wo der Wirtschaftsaufschwung stark durch die Industrialisierung befeuert wird.

Wo China auf einen massiven Ressourcenverbrauch setzt, um den Wohlstand seiner Bevölkerung zu heben, sind in Indien vor allem die „skills“ Motor der Entwicklung – einer Entwicklung, die mit deutlich geringerem Materialverbrauch und damit geringerem Kohlenstoffausstoß verbunden ist. Das ist eine große Hoffnung für den Rest der Welt, und wir sollten alles dafür tun, dass Indien diese Entkopplung von wirtschaftlichem Aufschwung und Materialverbrauch gelingt.

Damit wir dann bei den Indern CO2-Kredit aufnehmen können.

Genau. Und selbst wenn wir im Rahmen eines internationalen Emissionshandels pro Tonne CO2, sagen wir, 30 Euro zahlen müssten, wäre das insgesamt ein geringer Preis angesichts der Kosten etwa für den Deichbau beim Anstieg der Meeresspiegel.

Welche Erwartungen haben Sie an den Klimagipfel in Kopenhagen im Dezember?

Leider zeichnet sich im Moment schon ab, dass es kaum handfeste Ergebnisse geben wird. Das liegt vor allem daran, dass der Klimagipfel schon jetzt kleingeredet wird – etwa von verantwortlicher Stelle bei der Uno. Es ist ja nicht gottgegeben, dass es in Kopenhagen keine Ergebnisse geben kann. Die verantwortlichen Politiker haben es selbst in der Hand, den Gipfel zum Erfolg zu führen. Stattdessen wird schon im Vorfeld so getan, als könne es in Kopenhagen gar keinen Durchbruch geben – eine merkwürdige Verkehrung von Ursache und Wirkung.

Kopenhagen könnte durchaus ein Erfolg werden, wenn sich einige Länder aus der Deckung wagen würden. In dem Moment, wo etwa die USA und China die Bereitschaft zu größeren Anstrengungen für den Klimaschutz erkennen ließen, käme sofort Bewegung in die internationalen Verhandlungen. Unter diesen Umständen könnten in Kopenhagen die Weichen gestellt werden, um in ein bis zwei Jahren handfeste Ergebnisse zu erzielen. Aber das „Erwartungsmanagement“ der Verantwortlichen im Vorfeld der Konferenz spricht im Moment eher dagegen.

Denken Sie, dass die deutsche Regierung international eine stärkere Rolle im Sinne des Klimaschutzes übernehmen sollte?

Im Vergleich zu Ländern wie USA oder China spielt Deutschland aus meiner Sicht schon jetzt eine sehr konstruktive Rolle. Natürlich reichen die Maßnahmen noch nicht aus, und das habe ich auch der Bundeskanzlerin gesagt. Andererseits hat Frau Merkel sicher Recht wenn sie sagt, dass CO2-Reduzierungen von 40 Prozent, wie wir sie in Deutschland anstreben, international derzeit kaum durchsetzbar sind. Im Moment müssen wir einfach darauf hoffen, dass sich, wenn erst einmal eine verbindliche internationale Vereinbarung zur Treibhausgas-Reduktion getroffen wurde, der Prozess der tatsächlichen Reduzierung selbst beschleunigt.

Hat sich erst einmal die Erkenntnis durchgesetzt, dass sich durch Energieeffizienz Geld sparen lässt oder man durch neue Technologien Arbeitsplätze schaffen kann, dann könnte es tatsächlich zu einer solchen Beschleunigung kommen. Und vielleicht holen wir dann auf, was wir im Moment durch das zögerliche Handeln der politischen Akteure versäumen.

Aber natürlich ist es gefährlich, auf dieses Prinzip Hoffnung zu setzen. Besser wäre es, wir würden sofort in dem Umfang aktiv, den uns die aktuellen Klimadaten vorgeben. Denn eines ist gewiss: Mit der Natur kann man nicht verhandeln.



Kurzbiographie Hans Joachim Schellnhuber

Geboren 1950 in Ortenburg (Deutschland). Studium der Physik und Mathematik mit einem Hochbegabten-Stipendium an der Universität Regensburg. Promotion in Theoretischer Physik im Jahr 1980. Mehrjährige Forschungsaufenthalte im Ausland, insbesondere an Einrichtungen der University of California (USA). 1985 Habilitation, danach Heisenberg-Stipendium. 1989 Ordentlicher Professor am Institut für Chemie und Biologie des Meeres (ICBM) der Universität Oldenburg, später Direktor des ICBM.

1991 Gründungsdirektor des Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), seit 1993 regulärer Direktor des PIK und Professor für Theoretische Physik an der Universität Potsdam. Aktives Mitglied einer Reihe deutscher und internationaler Gremien zur Forschungspolitik sowie zur Politikberatung, unter anderem Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU). In dieser Funktion maßgeblich beteiligt an der Entwicklung des sogenannten Bugetansatzes zur Berechnung der globalen Obergrenze des Treibhausgasaustoßes (mehr Infos dazu finden Sie hier).

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  • 09.03.2010, 23:33 UhrAnonymer Benutzer: Michael Schuldt

    prof. mojib latif hat noch 1997 von einer kommenden Eiszeit gesprochen. Von 1998 bis 2008 ist es auf der Erde um 0,2° kälter geworden. Die Klimapanik kann nicht aufrecht erhalten werden.

  • 05.03.2010, 22:55 UhrAnonymer Benutzer: Hans

    Dies ist ein Angriff auf die deutsche Volkswirtschat. Da werder das Tempo der Erwärmung
    noch die Ursachen hinreichend geklärt sind,sollte
    diesem irrläufer das Handwerk gelegt werden.
    Forschen ja. Schellnhuber Rezepte nein.

  • 04.12.2009, 11:00 UhrAnonymer Benutzer: roman

    Wir müssen wirklich endlich das richtige tun, ob es uns passt oder nicht. Unser Wirtschaftsmodell ist nicht solidarisch auf alle übertragbar und deshalb ist einfach falsch. Wie wir die notwendige Änderung in einem demokratischen System zustande bringen, ist noch unklar, aber muss zur Königsdiszplin werden. Die Politik hat die Aufgabe, uns schnellstens über das Probelm zu informieren und uns nicht das zu erzählen, was wir gerne hören.
    Wir müssen ein System finden, das ohne gewohntes "normales" Wachstum funktioniert und sich auf ökologisch vertretbares Wachstum beschränkt.
    Und unseren materiellen Reichtum werden wir mit anderen teilen müssen.

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