Schwedens unendliche Wälder könnten schon bald für eine unendliche Energieversorgung genutzt werden: Gerade die aus Holzabfällen gewonnenen Pellets haben das Potential, fossile Brennstoffe zu verdrängen. Damit übernehmen die Skandinavier eine Vorreiterrolle.
STOCKHOLM. Vor fast genau einem Jahr gab Schwedens damaliger Regierungschef Göran Persson den Startschuss in ein neues Zeitalter. „Wir wollen uns bis 2020 unabhängig vom Öl machen“, sagte der Premier wenige Monate vor den Parlamentswahlen. Damals hatte er noch die Hoffnung, das plötzliche Umweltengagement könnte ihn und seine Sozialdemokraten aus dem Stimmungstief bringen. Sein Langzeitziel verhalf Persson zwar zu weltweiter Beachtung, doch sein eigentlicher Plan ging nicht auf: Eine bürgerliche Koalitionsregierung unter Fredrik Reinfeldt übernahm das Ruder.
Für die hehren Umweltziele hat der Regierungswechsel aber nur wenig bedeutet. Auch Reinfeldts Mitte-rechts-Koalition hat die Umwelt als wichtiges Thema identifiziert und will mit wenigen Änderungen den eingeschlagenen Weg fortsetzen. Eine Prämie für umweltfreundliche Autos von umgerechnet knapp 1 100 Euro sowie die Förderung bei der Umstellung alter privater Heizungsanlagen stehen auf dem Programm.
Dabei ist das Gold des Nordens, wie in Schweden die Ressourcen der riesigen Waldflächen genannt werden, in den Mittelpunkt des Interesses gerückt: Biomasse soll mittelfristig für die Unabhängigkeit von Öl und Gas sorgen. Aus den Abfällen, die in den riesigen Sägewerken, beim Roden in den Wäldern und bei der Papierherstellung anfallen, werden unter anderem Pellets gepresst. Mit den äußerst energiereichen sechs bis zwölf Millimeter dicken und zwei Zentimeter langen Stäbchen aus Holzabfällen können Eigenheimbesitzer ihre vier Wände heizen. Bislang werden noch immer knapp 40 Prozent aller Einfamilienhäuser mit Strom direkt aus der Steckdose geheizt. Der durchschnittliche Stromverbrauch für Einfamilienhäuser liegt denn auch mit mehr als 20 000 Kilowattstunden im Europa-Vergleich an der Spitze. In Deutschland kommt ein Einfamilienhausbesitzer gerade einmal auf ein Drittel.
Die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Abkehr von fossilen Brennstoffen sind in Schweden äußerst günstig. Die riesigen Wälder bedecken 22,6 Millionen Hektar und damit mehr als die Hälfte der Gesamtfläche des Landes. „Der größte Teil unseres Waldareals wird auch wirtschaftlich genutzt“, sagt Kjell Andersson von Svebio, der schwedischen Bioenergie-Vereinigung. Er gibt sich optimistisch, dass Schweden ab spätestens 2020 ganz ohne fossile Brennstoffe auskommen kann: „Schon heute wird unser Energiebedarf zu 26 Prozent aus Bioenergie gedeckt.“
Auch Svante Axelsson, Generalsekretär des schwedischen Naturschutzbundes, ist überzeugt, dass das Regierungsziel realistisch ist: „Erneuerbare Energieträger wie Biomasse – kombiniert mit einer effektiveren Energieanwendung – können die gesamte Kernenergie und einen Großteil der fossilen Brennstoffe bis 2020 ersetzen.“Lesen Sie weiter auf Seite 2: „Wir haben mit unserer geographischen Lage und der Bodenbeschaffenheit großes Glück gehabt“,
Etwa 115 Terawattstunden werden mittlerweile aus Sägespänen, Rinde und anderen Holzabfällen erzeugt. Ein Großteil dieser Abfälle geht in die etwa 500 Fernwärme-Kraftwerke, wo sie verfeuert werden. Diese Abfälle aus der Forstindustrie haben in den vergangenen Jahren enorm an Bedeutung gewonnen: Mittlerweile werden zwei Drittel der Fernwärme-Kraftwerke mit dieser Biomasse betrieben. Und das offenkundig sehr effektiv: In Enköping, nordwestlich von Stockholm, produziert der kommunale Kraftwerksbetreiber Ena Kraft den gesamten Energiebedarf für die 20 000 Einwohner mit nachwachsenden Rohstoffen.
Ein Teil der regenerativen Energie kommt aus so genannten Energiewäldern. „Bis heute haben wir etwa 15 000 Hektar mit sehr schnell wachsenden Bäumen bepflanzt“, sagt der Bioenergie-Experte Andersson. Vor allem in Mittelschweden wird Salix, eine äußerst schnell wachsende Weidenart, angepflanzt. Die Energiewälder und ein effektives Waldmanagement sind der Grund dafür, dass sich in den vergangenen 100 Jahren die Waldfläche Schwedens verdoppelt hat. Und das erfolgreiche Forstmanagement sorgt dafür, dass jedes Jahr rund 110 Millionen Kubikmeter Holz nachwachsen.
„Wir haben mit unserer geographischen Lage und der Bodenbeschaffenheit großes Glück gehabt“, räumt Tomas Isaksson vom Verband der Pellet-Industrie ein. Die gepressten Holzabfälle erfreuen sich als Alternative zu Ölheizungen zunehmender Beliebtheit. Die kleinen Energiebündel stehen bislang zwar nur für sieben Terawattstunden, doch die Pellet-Industrie glaubt an eine steigende Nachfrage. 2006 produzierte sie 1,4 Millionen Tonnen Pellets, weitere 300 000 Tonnen wurden importiert.
„Eigentlich hatten wir mit einer noch größeren Nachfrage gerechnet, doch der milde Winter schlägt sich bei uns negativ in den Auftragsbüchern nieder“, sagt Isaksson. Nach einer Faustformel sinkt der Energiebedarf um bis zu fünf Prozent, wenn die Temperatur im Winter nur ein Grad höher ausfällt als im Durchschnitt. „Und dieser Winter war sogar fünf Grad wärmer als normal“, meint Isaksson – und sehnt sich schon nach einem richtig kalten Winter.
