Raphael Arlitt treibt den Bau des ersten kommerziellen Wellenkraftwerks der Welt voran. Das ambitionierte Ziel seiner Arbeit: Arlitt soll eine vernachlässigte Variante der Stromproduktion zur Marktreife bringen – Meeresenergie soll künftig eine bedeutende Rolle im Energiemix übernehmen.
Das von der Voith Siemens Tochter Wavegen betriebene Wellenkraftwerk Limpet auf der schottischen Insel Islay. Foto: obs/Voith AG
HB. Raphael Arlitt mag’s gern turbulent. Zwei Jahre lebte er in Kalifornien, in Stanford und im Surferparadies San Diego. „Klar bin ich auch mal auf ein Brett gestiegen“, sagt er. Schon von Berufs wegen ließ sich Arlitt den Ritt auf den Wellen nicht entgehen. Der Maschinenbauer ist spezialisiert auf den Bau von Wellenkraftwerken. Während der Zeit in Amerika hat er die Grundlagen von Strömungen in Turbinen erforscht.
Seit fünf Jahren ist Arlitt zurück in Deutschland, und auch im tiefsten Binnenland bleibt er den Wellen treu. Im schwäbischen Heidenheim arbeitet der 36-Jährige beim Joint Venture Voith Siemens Hydro Power Generation. Hier soll er eine vernachlässigte Variante der Stromproduktion zur Marktreife bringen: mit dem Bau des weltweit ersten kommerziellen Wellenkraftwerks. Für den Ingenieur ein Traumjob: „Ich bin an jedem Arbeitsschritt beteiligt“, sagt er. „Angesichts der starken Arbeitsteilung heutzutage eine Seltenheit.“
Der Bau eines solchen Kraftwerks hat bereits begonnen. Noch in diesem Jahr soll eine Anlage Strom liefern, die derzeit in Nordspanien errichtet wird. In zwei Jahren will Voith Siemens auch in Deutschland saubere Meeresenergie produzieren – gemeinsam mit dem Energiekonzern EnBW wird an der niedersächsischen Nordseeküste ein Wellenkraftwerk entstehen. Doch Arlitt und Kollegen werden einen langen Atem brauchen, wenn ihre Technik den Durchbruch schaffen soll. „Die Wellenkraftbranche nimmt derzeit enorm Fahrt auf“, sagt Hermann-Josef Wagner, Direktor des Instituts für Energietechnik der Ruhr-Universität in Bochum. „Doch die Kraftwerke werden in den nächsten 20 Jahren keinen nennenswerten Anteil zur Energieversorgung leisten.“ Erst in 40 Jahren werde diese Art der Stromerzeugung ihr enormes Potenzial entfaltet haben. Nach Einschätzung der Internationalen Energieagentur könnte Wellenkraft zehn Prozent des weltweiten Energiebedarfs stillen.
Angesichts der glänzenden Perspektiven ist der Wettlauf um die beste Technik in vollem Gange: Arlitts Konkurrenten bauen schlangenartige Kraftwerke, die auf dem Meer schwimmen. Oder lassen – wie Eon – Turbinen auf dem Meeresgrund installieren. Solange Pionierarbeit geleistet werden muss, drückt Arlitt auch anderen Wettbewerbern die Daumen. „Wichtig ist, dass eine Technik ihre Reife beweist“, sagt er. „Wenn Projekte scheitern, ist das für alle schlecht.“ Bis ins kleinste Detail hat Raphael Arlitt die Methoden studiert, mit denen man aus Wellen Strom gewinnen kann.
Lesen Sie weiter auf Seite 2: Bie Wellenkraft mitschwimmen.
Als er bei Voith Siemens Hydro anfing, sollte er die beste verfügbare Technik aufspüren – um sie dann zu veredeln. Als einer der weltweit führenden Anbieter in Sachen Wasserkraft will das Unternehmen künftig auch bei der Wellenkraft vorne mitschwimmen. „Ich habe über 70 verschiedene Projekte und Ideen gefunden“, sagt Arlitt. Überzeugt hat ihn das Verfahren des jungen schottischen Unternehmens Wavegen. Im Sommer 2000 stellte es auf der Hebrideninsel Islay ein kleines Kraftwerk in die Brandung. Großer Vorteil der Anlage: Mit dem materialfressenden Salzwasser kommen die Turbinen gar nicht in Berührung. Sie werden von Luftströmen angetrieben, die das aufgrund der Meeresbewegungen auf- und absteigende Wasser in einer Kammer auslöst – „oszillierende Wassersäule“ heißt das Prinzip.
Der Ingenieur war von der Idee begeistert. Günstiger Zufall: „Wavegen suchte nach einem Partner“, sagt Arlitt. Vor zwei Jahren hat Voith Siemens das Start-up übernommen. Doch damit fing die wirkliche Arbeit erst an. „Wir müssen die dunklen Ecken der Technik erhellen.“
Unterstützt von rund einem Dutzend Mitarbeiter, macht Arlitt nun den Prototyp fit: „Es gibt noch vieles zu optimieren“, sagt er – etwa beim Wirkungsgrad der Turbinen oder dem Material, aus dem sie gebaut werden. Auch die schottischen Kollegen sind weiter eingebunden.
Reihenweise Erfolgserlebnisse bietet die junge Disziplin den Ingenieuren, die Fortschritte sind mitunter beachtlich: „Oft gelingen Verbesserungen im Prozentbereich“, sagt Arlitt. Alle zwei Monate fliegt er nach Schottland, um die Zusammenarbeit zu koordinieren. Das Wellenkraftwerk wird Ergebnis länderübergreifender Entwicklungsarbeit sein. Für Arlitt „eine echte Win-win-Situation“.
