Bei großen Geothermie-Kraftwerken, die Wärme und Strom für ganze Ortschaften liefern sollen, kommt ein anderes Verfahren zum Einsatz. Die Ingenieure bohren mindestens zwei Löcher ins Erdinnere, jedes zwischen 3 000 und 5 000 Meter tief. Dann pressen sie Wasser in die Tiefe, das durch Risse im heißen Gestein sickert und erhitzt durch die anderen Bohrlöcher nach oben steigt. Zwar sei die Energieausbeute viel geringer als bei einem Erdölloch oder einer Erdgasbohrung, erklärt Michael Kosinowski von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe. „Aber dafür haben Geothermie-Anlagen eine sehr viel längere Laufzeit als Erdöl- oder Gasfelder.“
Das Institut für Geowissenschaftliche Gemeinschaftsaufgaben in Hannover schätzt, dass Geothermie theoretisch das Vierfache des Strombedarfs und das Fünffache der in Deutschland benötigten Wärme liefern könnte. Größter Kostenpunkt bei der Technologie ist die Bohrung, die sich in Zukunft aber wohl teilweise automatisieren lasse, so Kosinowski. Gegenüber anderen Kraftwerken hätten die Erdwärme-Anlagen dafür den großen Vorteil, dass sie kaum gewartet werden müssen.
Trotzdem hat sich in Deutschland bisher noch keine ausgeprägte Geothermie-Industrie entwickelt. „Die Szene ist relativ kleinteilig“, sagt Bußmann. „Das sind oft Bürgermeister-Projekte.“ Einzelne Kommunen stoßen auf die Idee, ihr Fernwärmenetz mit der Hitze aus dem Untergrund zu speisen – und sich so von den Preissteigerungen der großen Energieversorger abzukoppeln. International beherrscht das US-Unternehmen Ormat rund 75 Prozent des Marktes für den Bau und Betrieb von Geothermie-Anlagen.
Am weitesten verbreitet ist die Nutzung der Erdwärme in Island. Der Inselstaat deckt mehr als ein Fünftel seines Strombedarfs mit der aus der Tiefe gewonnenen Energie. Größere Projekte gibt es auch im Elsass oder in Larderello in der Toskana sowie in Japan. Im Rahmen der technischen Entwicklungszusammenarbeit fördert die Bundesrepublik auch den Aufbau von Anlagen in Chile und in Tansania. Bereits seit 1954 versorgt ein Geothermie-Kraftwerk in Kenia die Umgebung mit Strom. Die Regierung plant, diese Anlage weiter auszubauen. Mindestens 2 000 Megawatt könnte das Kraftwerk nach Berechnungen des kenianischen Energieministeriums aus dem Boden ziehen. Das ist rund doppelt so viel, wie das Land heute produziert.

