Die deutschen Energieversorger senden ein politisches Signal: Weil die Reaktoren in Deutschland als Auslaufmodell gelten, flüchten die Energiekonzerne ins Ausland. RWE drängt nach Bulgarien und Rumänien, Konkurrent Eon will in Skandinavien Kernkraftwerke bauen. Auch der britische Markt lockt.
Da die Kernkraft in Deutschland als Auslaufmodell gilt, flüchten die deutschen Energiekonzerne ins Ausland. Foto: dpa
DÜSSELDORF. Großbritannien, Bulgarien, Rumänien, Litauen oder Finnland – die deutschen Energiekonzerne RWE und Eon flüchten ins Ausland. Während die Branchenriesen im Heimatmarkt noch immer an den Beschluss zum Atomausstieg gebunden sind, bemühen sie sich europaweit mit Hochdruck um den Betrieb neuer Reaktoren. Es locken schließlich nicht nur hohe Renditen, die beiden Konzerne können auch ihre CO2-Bilanz verbessern. Und schließlich wollen die Chefs von Eon und RWE, Wulf Bernotat und Jürgen Großmann, ein politisches Signal aussenden: Die Atomkraft soll eine Zukunft haben – letztlich auch in Deutschland. „Wir werden unser Know-how in diesem Bereich in jedem Fall erhalten – es wäre schön, wenn wir es auch in Deutschland einsetzen könnten“, gibt sich Großmann entschlossen.
Während der RWE-Chef hierzulande verzweifelt versucht, den im Jahr 2000 von der damaligen rot-grünen Bundesregierung durchgesetzten Atomausstieg zu revidieren und zumindest längere Laufzeiten für seine alten Reaktoren herauszuschlagen, hat er jenseits der Grenzen bereits das erste Neubauprojekt an der Angel. In Bulgarien gilt RWE inzwischen als Favorit für das geplante Atomkraftwerk Belene im Norden des Landes. Zum Verkauf steht eine 49-Prozent-Beteiligung an dem neuen Reaktor, den der Staatskonzern NEK für rund vier Mrd. Euro plant. Der Reaktor wird mit einer Leistung von 2 000 Megawatt Strom ähnlich stark sein wie RWE-Meiler in Deutschland. RWE hat sich bereits gegen zahlreiche namhafte Konkurrenten, unter anderem auch Eon, durchgesetzt und ist neben der belgischen Electrabel in die engere Wahl gekommen. Jetzt gilt RWE in Bulgarien als Wunschpartner, es ist aber auch möglich, dass beide Konzerne an dem Projekt beteiligt werden.
In Rumänien ist RWE ebenfalls noch aussichtsreich bei einem konkreten Projekt dabei. Die staatliche Betreiberfirma Nuclearelectrica plant im Südosten, am Standort Cernavoda, zwei zusätzliche Blöcke und sucht dafür nach ausländischen Partnern. RWE ist neben Electrabel, der italienischen Enel, der spanischen Iberdrola, der tschechischen CEZ und dem Stahlhersteller Arcelor-Mittal in der engeren Wahl. Noch in einer frühen Phase ist dagegen der Plan für ein Atomkraftwerk in Litauen, an dem RWE ebenfalls interessiert ist.
Infografik: Meiler für Europa.
Konkurrent Eon ist zwar in Bulgarien und Rumänien aus dem Rennen. Dagegen hat der deutsche Branchenprimus in Skandinavien gute Karten. Der Konzern ist unter anderem in Finnland am Bau eines neuen Reaktors interessiert. Im vergangenen Jahr gründete Eon gemeinsam mit mehreren skandinavischen Partnern das Konsortium Fennovoima, das gemeinsam ein neues Atomkraftwerk errichten will.
Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die Branche ist elektrisiert.
Große Hoffnungen setzen Eon und RWE zudem auf Großbritannien. Die Ankündigung der britischen Regierung, die Kernenergie wieder zu fördern, hat die Branche elektrisiert. Die Regierung plant ein Energiegesetz, das den Bau neuer Anlagen erleichtern soll. Branchenexperten sehen einen Bedarf von mindestens zehn neuen Reaktoren. Eon und RWE haben neben zahlreichen ausländischen Konkurrenten offiziell ihr Interesse angemeldet. Den Schlüssel hält das Unternehmen British Energy, das zurzeit acht ältere Anlagen betreibt, an deren Standorten neue Kraftwerke am einfachsten durchzusetzen wären. Eon ist zumindest an einer Kooperation interessiert, RWE-Chef Großmann hat bereits grünes Licht vom Aufsichtsrat, falls nötig auch eine Beteiligung zu erwerben. Die Regierung ist offenbar bereit, den verbliebenen Staatsanteil von rund 30 Prozent zu veräußern. Bis zu 2,5 Mrd. Euro darf Großmann dafür bieten. Allerdings gibt es potente Konkurrenten, allen voran Electricité de France. Branchenbeobachter rechnen deshalb damit, dass die Regierung mehrere Partner ins Boot holen könnte.
RWE würde mit der Investition in ausländische Atomkraftwerke Neuland betreten. Bislang betreibt der Konzern nur auf dem Heimatmarkt Reaktoren. Eon ist auch lediglich in Schweden an drei Kernkraftwerken beteiligt.
Die beiden Konzerne werden zum einen von hohen Renditen gelockt. In der Stromproduktion verdienen die europäischen Versorger heute das meiste Geld. Und in Anbetracht stetig steigender Preise für die Brennstoffe Kohle und Gas ist die Produktion mit Kernenergie besonders lukrativ. Zwar ist der Bau neuer Anlagen wesentlich teurer als der von Gas- oder Kohlekraftwerken. Die Betriebskosten fallen dagegen vergleichsweise gering aus.
Zum anderen wollen Eon und RWE gleichzeitig auf die steigenden Klimaschutzauflagen reagieren. Beiden Konzernen drohen milliardenschwere Belastungen, weil sie für ihre Kohlekraftwerke immer mehr Emissionszertifikate zukaufen müssen. Vor allem für RWE, Europas größten Emittenten des klimaschädlichen Kohlendioxids (CO2), ist das Thema drängend.
Großmann hat die Verringerung der CO2-Last von RWE ganz oben auf seiner Agenda stehen. Neben neuen, effizienteren Kraftwerken gehört für ihn ausdrücklich die „weitere Nutzung der Kernenergie“ dazu. Und auch für seinen Amtskollegen Bernotat ist diese Technik die „kostengünstigste Art des Klimaschutzes“. „Für uns sind die Investitionen in ausländische Anlagen eine gute Möglichkeit, um unsere CO2-Bilanz zu verbessern“, ergänzt ein Eon-Sprecher: „Dort, wo sich Gelegenheiten ergeben, prüfen wir sie.“
