Große Hoffnungen setzen Eon und RWE zudem auf Großbritannien. Die Ankündigung der britischen Regierung, die Kernenergie wieder zu fördern, hat die Branche elektrisiert. Die Regierung plant ein Energiegesetz, das den Bau neuer Anlagen erleichtern soll. Branchenexperten sehen einen Bedarf von mindestens zehn neuen Reaktoren. Eon und RWE haben neben zahlreichen ausländischen Konkurrenten offiziell ihr Interesse angemeldet. Den Schlüssel hält das Unternehmen British Energy, das zurzeit acht ältere Anlagen betreibt, an deren Standorten neue Kraftwerke am einfachsten durchzusetzen wären. Eon ist zumindest an einer Kooperation interessiert, RWE-Chef Großmann hat bereits grünes Licht vom Aufsichtsrat, falls nötig auch eine Beteiligung zu erwerben. Die Regierung ist offenbar bereit, den verbliebenen Staatsanteil von rund 30 Prozent zu veräußern. Bis zu 2,5 Mrd. Euro darf Großmann dafür bieten. Allerdings gibt es potente Konkurrenten, allen voran Electricité de France. Branchenbeobachter rechnen deshalb damit, dass die Regierung mehrere Partner ins Boot holen könnte.
RWE würde mit der Investition in ausländische Atomkraftwerke Neuland betreten. Bislang betreibt der Konzern nur auf dem Heimatmarkt Reaktoren. Eon ist auch lediglich in Schweden an drei Kernkraftwerken beteiligt.
Die beiden Konzerne werden zum einen von hohen Renditen gelockt. In der Stromproduktion verdienen die europäischen Versorger heute das meiste Geld. Und in Anbetracht stetig steigender Preise für die Brennstoffe Kohle und Gas ist die Produktion mit Kernenergie besonders lukrativ. Zwar ist der Bau neuer Anlagen wesentlich teurer als der von Gas- oder Kohlekraftwerken. Die Betriebskosten fallen dagegen vergleichsweise gering aus.
Zum anderen wollen Eon und RWE gleichzeitig auf die steigenden Klimaschutzauflagen reagieren. Beiden Konzernen drohen milliardenschwere Belastungen, weil sie für ihre Kohlekraftwerke immer mehr Emissionszertifikate zukaufen müssen. Vor allem für RWE, Europas größten Emittenten des klimaschädlichen Kohlendioxids (CO2), ist das Thema drängend.
Großmann hat die Verringerung der CO2-Last von RWE ganz oben auf seiner Agenda stehen. Neben neuen, effizienteren Kraftwerken gehört für ihn ausdrücklich die „weitere Nutzung der Kernenergie“ dazu. Und auch für seinen Amtskollegen Bernotat ist diese Technik die „kostengünstigste Art des Klimaschutzes“. „Für uns sind die Investitionen in ausländische Anlagen eine gute Möglichkeit, um unsere CO2-Bilanz zu verbessern“, ergänzt ein Eon-Sprecher: „Dort, wo sich Gelegenheiten ergeben, prüfen wir sie.“

