Die drohende Klimakatastrophe registrieren die Forscher in der Antarktis bisher nicht. Die Temperaturen an der Neumayer-Station beispielsweise haben sich seit dem Erstbezug 1982 praktisch nicht geändert. „In einigen Gebieten der Antarktis sind sie leicht gesunken, in anderen leicht gestiegen“, sagt Polar-Pionier Gernandt, der als erster Deutscher in der Antarktis überwinterte. Der gebürtige Thüringer arbeitete zwischen 1967 und 1969 als Doktorand auf Mirny, der größten von mehreren russischen Antarktis-Laboren.
Nur auf der Antarktis-Halbinsel Grahamland, die sich zur Südspitze von Argentinien hin reckt, ist der globale Klimawandel spürbar. In den vergangenen zwölf Jahren verlor diese Region rund 10 000 Quadratkilometer Schelfeis, das sich in Form von Eisbergen löste und auf den südlichen Atlantik hinaustrieb. Die Erforschung der Ökosysteme, die sich unter dem Schelfeis gebildet hatten und die erst jetzt zugänglich sind, sollen „uns ein gutes Stück weiterbringen, um die Zukunft unserer Biosphäre im Klimawandel vorhersagen zu können“, sagt AWI-Biologe Julian Gutt. Die Pflanzen- und Tierwelt, bis zum Abbrechen des Schelfeises von diesem geschützt, muss sich nun an die neue Situation anpassen.
Wichtigste Anhaltspunkte für frühere Klimaveränderungen liefern Bohrkerne. Hunderte Meter tief fressen sich die Hohlbohrer ins Eis und fördern einen Eisstab nach dem anderen ans Tageslicht. Aus Proben, die internationale Forscher aus dem Ross-Schelfeis gewonnen haben, geht beispielsweise hervor, dass es zumindest eine Periode gegeben hat, in der die mittlere Temperatur zwei bis drei Grad wärmer war als heute – das ist in etwa der Zuwachs, den Klimamodelle für die Welt in den nächsten Jahrzehnten prognostizieren. „Unsere Forschung gibt uns ein Gespür dafür, wie das Eis auf eine solche Erwärmung reagiert – und wie schnell das geht“, sagt Ross Powell, Geologe der Northern Illinois University, der an der Untersuchung der Bohrkerne beteiligt ist.
Das Bohrprogramm gehört „zu den Kronjuwelen unserer Aktivitäten im Internationalen Polarjahr“, schwärmt Thomas Wagner, Direktor des amerikanischen Antarktis-Forschungsprogramms. Aus den Eisproben, die einen Zeitraum von mehreren Millionen Jahren abdecken, wollen die Forscher die Geschichte der heute im Jahresdurchschnitt 55 Grad minus kalten Antarktis entschlüsseln.
Sie wollen vor allem wissen, wie das Eis, das rund 75 Prozent aller Süßwasservorräte der Erde speichert, in früheren Warmperioden auf Temperatursprünge reagierte. Gert König-Langlo, AWI-Meteorologe und regelmäßiger Besucher der Antarktis, ahnt bereits, wie das Ergebnis ausfallen wird: „Auch wenn es in der Antarktis fünf Grad wärmer würde, wären die Minustemperaturen noch so tief, dass nichts schmelzen würde.“ Er kann sich sogar den gegenteiligen Effekt vorstellen: Weil es dann in der Antarktis weitaus mehr schneien würde als heute, würde mehr Wasser gebunden. König-Langlo: „Das könnte zu einem Sinken des Meeresspiegels führen.“
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