Heimische Energiepflanzen könnten Milliarden Menschen mit Strom und Kraftstoff versorgen. So zum Beispiel der Jatropha-Strauch. Früchte und Blätter der Pflanze sind giftig, sodass sie als Nahrungsmittel nicht geeignet ist. Das Pflanzenöl kann aber als Kraftstoff genutzt werden.
Die Ordensfrauen waren der Verzweiflung nah. Der Dieselpreis in Tansania stieg und stieg. Zuletzt kostete der Liter umgerechnet einen Euro, so viel wie noch nie. Den Barmherzigen Schwestern vom Heiligen Vinzenz von Paul, die in Mbinga nahe Songea eine Missionsstation vornehmlich mit Spendengeldern betreiben, blieb nichts anderes übrig, als den Dieselgenerator für die Stromerzeugung nur noch stundenweise laufen zu lassen.
Das war vor zwei Jahren; seit einigen Monaten gibt es in Mbinga wieder rund um die Uhr elektrischen Strom - in allen Räumen, auch in der angeschlossenen Krankenstation, der Schlosserei und der Autowerkstatt. Dafür sorgen eine Solaranlage mit acht Kilowatt Leistung sowie ein ausrangierter Schiffsdiesel, der einen Generator mit 15 Kilowatt Leistung antreibt. Insgesamt 360 Kilowattstunden Strom produziert die Hybridanlage täglich, das ist etwa so viel, wie ein deutscher Privathaushalt in eineinhalb Monaten verbraucht. Das Schönste an der Hybridanlage: Sie braucht keinen Tropfen Dieselkraftstoff.
Befeuert wird jener Perkins-Motor mit Pflanzenöl, das aus dem Jatropha-Strauch gewonnen wird. Früchte und Blätter der Pflanze sind giftig, sodass sie als Nahrungsmittel nicht geeignet ist. Außerdem braucht sie nur wenig Wasser, sodass sie auch auf kargen Böden gedeiht.
Konzipiert und entwickelt wurde das Hybridkraftwerk von der Kölner Energiebau Solarstromsysteme zusammen mit Experten von InWEnt, der Bonner Gesellschaft für Internationale Weiterbildung und Entwicklung. Sie hatten zwei Jahre vor der Fertigstellung der Anlage zusammen mit Einheimischen mit dem Aufbau einer Jatropha-Plantage begonnen. 50 000 Sträucher, so hatten die Berechnungen ergeben, brauchen die Bewohner der Missionsstation, um ihren Strom ohne finanzielle Hilfe von außen ganzjährig produzieren zu können.Die Frucht des Jatropha-Strauchs, auch Purgiernuss genannt, ist vielseitig nutzbar. Aus den drei großen Samenkörnern, die im Innern der Frucht stecken, lässt sich Biodiesel gewinnen, der ohne jede weitere Behandlung direkt im Motor verbrannt werden kann. Die pflanzlichen Überreste lassen sich in Biogas umwandeln oder als Dünger nutzen.
Das Beispiel könnte Schule machen. Rund zwei Milliarden Menschen auf der Welt müssen heute noch ohne Strom auskommen. Oder sie gewinnen elektrische Energie mithilfe von Dieselaggregaten, was nicht nur teuer, sondern auch umweltschädlich ist. Die Kölner Energiebau Solarstromsysteme bietet als Alternative sogenannte Strominseln an, die Menschen von Energieimporten unabhängig machen - und den Klimawandel bremsen. Denn mit Pflanzenöl betriebene Verbrennungsmotoren emittieren nur so viel Kohlendioxid, wie die Pflanzen zuvor der Luft entzogen haben. Außer in Tansania haben die Kölner Ingenieure inzwischen auch in Ghana, Mali und Indonesien kleine Hybridkraftwerke errichtet. Und die Zahl derartiger Anlagen könnte schnell steigen: Bundesumweltminister Sigmar Gabriel forderte Mitte März auf der Klimakonferenz in Potsdam Schwellen- und Entwicklungsländer auf, mehr für den Klimaschutz zu tun, und bot dazu finanzielle Hilfe an.
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Die indische Regierung ist bereits eingestiegen. Sie will in großtechnischem Maßstab aus Jatropha Biodiesel gewinnen. Um den Anbau zu forcieren, wurde auf dem Subkontinent eigens das Center for Jatropha Promotion gegründet. Deren erstes Ziel ist es, die Sträucher auf 100 000 Hektar Fläche anzupflanzen, um aus den Erträgen jährlich 100 000 Tonnen Biodiesel zu gewinnen. In Hyderabad ist bereits eine Raffinerie mit einer Kapazität von 10 000 Tonnen in Betrieb. Zum Vergleich: Die deutsche Biodieselkapazität auf der Basis von Raps liegt derzeit bei über drei Millionen Tonnen.
Unterstützung bei der Aufbauarbeit leisten den Indern die Universität Hohenheim in Stuttgart, DaimlerChrysler und die Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft. Ziel der Forscher ist es, die Qualitäten der Wildpflanze durch Züchtungen zu verbessern. "Der Ertrag lässt sich glatt verdoppeln", glaubt Professor Klaus Becker, Jatropha-Experte an der Universität Hohenheim.
Um das Interesse der indischen Bevölkerung für die neue Energiequelle zu wecken, schickte DaimlerChrysler vor gut zwei Jahren einen Diesel-Mercedes kreuz und quer über den Subkontinent. Er tankte ausschließlich Biodiesel aus dem Öl wild wachsender Jatropha-Büsche, den ein Begleitfahrzeug im Schlepptau des Mercedes transportierte.Mittlerweile wird die Pflanze in Indien auf 30 Hektar kultiviert. Insgesamt stehen in Indien 60 Millionen Hektar Fläche für den Jatropha-Anbau zur Verfügung, schätzt Jinabhai Sambhubhai Patolia vom Central Salt and Marine Chemicals Research Institute im indischen Bhavnagar, dem einheimischen Partner der Deutschen. Weltweit könnte Jatropha auf rund 300 Millionen Hektar angepflanzt werden, schätzt das Institut. Das würde reichen, um eine Region von der Größe und Bevölkerungsdichte Westeuropas mit Dieselkraftstoff zu versorgen.
Auf Pflanzenöl als Kraftstoff setzt auch der deutsche Küchengerätehersteller Bosch Siemens Hausgeräte (BSH). Um Kerosin aus Erdöl und Brennholz zurückzudrängen, entwickelte er einen Pflanzenölkocher, den weltweit 2,5 Milliarden Menschen mit Jatropha oder Palmöl betreiben könnten. Der Kocher emittiert nur ein Promille der Schadstoffe, die offene Holzfeuer ausstoßen, sagt Elmar Stumpf, der den Kocher als Wissenschaftler an der Universität Hohenheim entwickelt hat. Das Klima profitiert ebenso davon wie der Regenwald. BSH brachte den Pflanzenölkocher zur Serienreife. Produziert wird er auf den Philippinen. Nur der Brenner wird aus Deutschland zugeliefert.
