Das seit 2001 in Planung befindliche Offshore-Windkraft-Projekt in der Themse wackelt: Shells Abschied von der weltgrößten Windfarm, die rund ein Viertel der Londoner Haushalte versorgen soll, belegt die neue Nüchternheit in den Zentralen der Energie-Konzerne.
Der Rückzug des Ölriesen Shell gefährdet das "London-Array"-Projekt. Foto: Archiv
LONDON. Eine schlechte Nachricht geschickt platziert: Während sich die britischen Medien mit der Kommunalwahl beschäftigten, gab der Energiekonzern Royal Dutch Shell
lapidar bekannt, dass er sich aus dem gigantischen Offshore-Windkraft-Projekt in der Themse-Mündung zurückzieht. Damit wackelt nicht nur die größte Windfarm der Welt, sondern auch ein Eckpfeiler der britischen Klimaschutzpolitik.
Hauptbetroffene sind zunächst der deutsche Energieversorger Eon und sein dänischer Partner Dong. Sie müssen nun einen Abnehmer für Shells
Drittel am "London-Array"-Projekt finden, bevor sie die Aufträge im Milliardenvolumen vergeben können. Der Britische Windenergie-Verband (BWEA) versuchte, Shells
Ausstieg als Routinevorgang herunterzuspielen, doch Eon UK sieht das anders. "Wenn sich ein Partner nach jahrelangen Vorbereitungen in letzter Minute zurückzieht, ist das schon ungewöhnlich", sagte ein Sprecher. Zumindest eine Verzögerung sei nun unvermeidlich.
Seit 2001 ist das Projekt in Planung. Es soll mit 341 Turbinen ein Gigawatt Strom pro Jahr erzeugen und damit rund ein Viertel der Londoner Haushalte versorgen. Der Rückschlag ist ein böses Omen für den Plan der Regierung, 33 Gigawatt Offshore-Windkapazität bis 2020 zu erreichen. Entsprechend enttäuscht äußerte sich Umweltminister Hilary Benn: "Viele Menschen werden sich fragen, warum Shell
das tut, noch dazu in einer Woche, in der das Unternehmen Rekordgewinne vorlegt."
Eine Sprecherin des Konzerns verwies unbeeindruckt darauf, dass sich die Mega-Windfarm einfach nicht mehr lohne. Die wirtschaftlichen Bedingungen hätten sich verschlechtert; die Preise für Stahl und Turbinen seien enorm gestiegen. Shell
konzentriere sich jetzt auf den Bau von Windfarmen auf dem Festland in den USA. Sie seien leichter und billiger zu bauen und zu warten und würden dort besser gefördert.
Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die Wende im Umgang mit erneuerbarer Energie.
Die nüchterne wirtschaftliche Begründung unterstreicht eine Wende im Umgang mit erneuerbarer Energie. Die europäischen Ölriesen BP
und Shell
haben in den vergangenen Jahren als Vorreiter der Branche breite Portefeuilles in alternativen Energien aufgebaut. Beide räumten dem in ihrer Kommunikation viel Raum ein und suchten den Dialog mit Umweltschutzgruppen. Kritiker warfen ihnen allerdings vor, das Engagement sei nur ein Feigenblatt. Schließlich machen die zusammen 2,5 Mrd. Dollar, die die Konzerne bisher in alternative Energien investiert haben, nur wenige Prozent ihres Investitionsetats für Öl und Gas aus.
Das reichte aber, um beide Konzerne zu relevanten Spielern in der Wind- und Solarenergie zu machen. Nun wollen sie aus der imagefördernden Investition ein ordentliches Geschäft machen. Shell
hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2015 erneuerbare Energien zur kommerziell attraktiven Konzernsparte zu entwickeln. Da stören finanziell riskante Projekte wie "London Array".
Der neue BP
-Chef Tony Hayward löste jüngst gar Spekulationen über einen bevorstehenden Verkauf der Sparte Erneuerbare Energien aus, als er Anlegern Bewertungen für deren einzelne Bestandteile vorlegte. 2,1 bis 3,9 Mrd. Dollar für die Solarenergie, 1,8 bis 2,1 Mrd. Dollar für die Windfarmen. Doch der Konzern dementierte Verkaufsabsichten. Er kündigte vielmehr an, das Investitionstempo kräftig zu steigern.
Die Botschaft an die Politik ist klar: Alternative Energien müssten langfristig so lukrativ sein wie das angestammte Öl- und Gas-Geschäft, heißt es in Firmenkreisen. Sonst ziehen die Ölmultis den Stecker.
Sonne, Wind und Biosprit
Vor allem die beiden europäischen Ölmultis BP
und Shell
haben in den vergangenen Jahren in alternative Energien diversifiziert. Hier ein Überblick über die Aktivitäten der Konzerne:
Der britische Konzern teilt sein Portfolio an alternativen Energien in drei Teile auf: Wachsende Geschäfte wie Solar- und Windenergie, sich entwickelnde Technologien wie Biotreibstoffe und neue Technologien wie die unterirdische CO2-Speicherung. Seit Ende 2005 hat BP
1,5 Mrd. Dollar in diese Bereiche investiert, 2008 soll die gleiche Summe hinzukommen. BP
will einer der drei führenden Solarenergiefirmen werden. Bei Windenergie will sich der Konzern von derzeit 370 auf 15 000 Megawatt installierter Kapazität steigern, vor allem in den USA.
Auch der Bereich alternative Energie des niederländisch-britischen Konzerns konzentriert sich vor allem auf Wind- und Solarenergie und Biokraftstoffe. Von 2001 bis 2006 hat Shell
rund eine Mrd. Dollar in diese Technologien investiert. Neuere Zahlen nennt das Unternehmen allerdings ebenso wenig wie konkrete Ziele für die Zukunft. Seine Windfarmen kommen auf 415 Megawatt Leistung; auch Shell
hat vor allem in den USA Ausbaupläne. Ebenso wie BP
arbeitet Shell
an der nächsten Generation von Solaranlagen und forscht an der Weiterentwicklung der Brennstoffzelle.

