Weltweit erlebt die Kernkraft eine Renaissance. Nach langem Zögern steigen auch Großbritannien und die US-Amerikaner wieder ein. Jüngst gab es sogar kirchlichen Zuspruch für diese Art der Energiegewinnung. Sieht Deutschland jetzt vom Atom-Ausstieg ab und zieht nach?
Kernkraftwerk in Biblis: Deutschland steht mit seinem Festhalten am Atom-Ausstiegsbeschluss mehr und mehr isoliert da in der Welt. Foto: dpa
Am 17. Oktober 1956 nahm Königin Elizabeth II. im englischen Calder Hall an der Irischen See das erste kommerzielle Kernkraftwerk der Welt in Betrieb. In schneller Folge bauten die Briten in den Jahren darauf fast 40 weitere Anlagen, um den chronischen Strommangel auf der Insel zu beheben. Als Letzter nahm 1995 der dritte Block des Kernkraftwerks Sizewell die Stromproduktion auf. Er ist bis heute als Einziger mit international konkurrenzfähiger Technik ausgestattet.
Dass Großbritannien nach dem forschen Einstieg ins Atomzeitalter eine lange Pause einlegte – weil es billiger war, das eigene Erdgas zur Stromerzeugung zu nutzen –, rächt sich heute bitter. Reihenweise müssen die betagten Anlagen abgeschaltet werden, weil die notwendigen Wartungsarbeiten zu teuer werden. Derzeit liefern nur noch 19 britische Kernreaktoren Strom. Gleichzeitig steigen die Preise für Gas, Öl und Kohle drastisch an, sodass fossiler Strom immer teurer wird. Zudem werden die Forderungen nach Reduzierung der Kohlendioxidemissionen auch im Vereinigten Königreich immer massiver.
Infografik: Kernkraftwerke weltweit
Die Briten, die viele Jahre auf fossile und alternative Energien gesetzt hatten, haben eingesehen, dass das nicht reicht, um einerseits die Energieversorgung sicherzustellen und andererseits die Klimabilanz zu verbessern. Jetzt ziehen sie die Konsequenzen und planen den zügigen Ausbau der Kernenergie. Deutschland steht dagegen mit seinem Festhalten am Ausstiegsbeschluss mehr und mehr isoliert da in der Welt. Das Land, einst führend bei der Entwicklung und der friedlichen Nutzung der Nuklearenergie, läuft Gefahr, technisch den Anschluss zu verlieren und Strom exorbitant teuer zu produzieren.
Andernorts hingegen erlebt die Atomkraft eine Renaissance. Neben den Briten planen auch die USA, Spanien und die Schweiz neue Kernkraftwerke. Frankreich, China, Indien, mehrere Staaten in Fernost und eine Reihe von Nachfolgestaaten der Sowjetunion ziehen bereits neue Komplexe hoch. Finnland, das derzeit seinen fünften Reaktor baut, denkt schon über einen sechsten Block nach.
Vor mehr als zwei Jahren begann der damalige britische Premierminister Tony Blair als einer der ersten Regierungschefs in Europa, seine Landsleute auf eine stärkere Nutzung der Kernenergie vorzubereiten. Vor wenigen Wochen verkündete die Nachfolgeregierung unter Gordon Brown, neue Anlagen zu bauen. Wie viele es sein werden, steht noch nicht fest. Die ersten könnten in zehn Jahren ans Netz gehen, wenn allenfalls noch acht der alten Reaktoren in Betrieb sind.
Die Regierung halte Kernkraft für eine saubere Art der Energiegewinnung, die sich bewährt habe und als sicher eingestuft werde, sagte Wirtschaftsminister John Hutton vor dem Unterhaus in London. Deshalb solle Atomkraft „im künftigen Energiemix des Landes eine Rolle spielen, gemeinsam mit anderen kohlenstoffarmen Quellen“. Nennenswerte öffentliche Proteste hat der Schwenk bei den gelassenen Briten bislang nicht hervorgerufen.
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Jüngst gab es sogar kirchlichen Zuspruch für die Kernenergie. Kardinal Renato Raffaele Martino, Präsident des Päpstlichen Rates Iustitia et Pax und einer der engsten Vertrauten von Papst Benedikt XVI, sagte in einem Interview mit „Radio Vatikan“: „Wenn die Sicherheit der Anlagen und der Lagerung garantiert sind“, gehöre die Kernenergie zu den verantwortbaren Energien.
Das Deutsche Atomforum sieht die Entscheidung in London als entscheidendes Indiz für eine weltweite Trendwende zugunsten der Kernkraft. Walter Hohlefelder, Präsident des Forums, meint, die Annahme, das Ausland würde der deutschen Politik des Ausstiegs folgen, habe sich eindeutig als naiv entpuppt. „Wir sollten endlich aufhören zu glauben, schlauer zu sein, als der Rest der Welt. Nicht diejenigen, die die Option Kernenergie offenhalten wollen, sind die ewig Gestrigen, sondern diejenigen, die über die Zukunft der Kernenergie noch nicht einmal nachdenken wollen.“
Marie-Luise Dött, umweltpolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, unterstützt die Position. „Es ist zu hoffen, dass die Entscheidung der britischen Regierung auch in Deutschland mehr Realitätssinn in die Diskussion um den Energiemix allgemein und die Nutzung der Kernkraft speziell bringt.“ Bundesumweltminister Sigmar Gabriel sieht dagegen keinen Anlass, den Ausstieg zu revidieren. „Im Gegensatz zu Großbritannien, wo die Entwicklung verschlafen wurde, haben wir für den Ausbau erneuerbarer Energien gesorgt. Wir haben deshalb eine echte Alternative zur Kernenergie.“
Ob diese Alternative rechtzeitig, in ausreichendem Maße und zu tragbaren Kosten zur Verfügung steht, ist allerdings höchst umstritten. Mehr als ein Dutzend große Windparks in Nord- und Ostsee sind zwar genehmigt. Doch bisher ist nur ein Einziger mit einer vergleichsweise kleinen Leistung im Bau: Alpha Ventus mit 60 Megawatt. Nichtsdestotrotz glauben Forscher des Instituts für Solare Energieversorgungstechnik (Iset) an der Universität Kassel, dass bis zum Jahr 2050 nicht nur der Ausstieg aus der Kernenergie gelingen wird, sondern zusätzlich noch ein Verzicht auf Kohle, Öl und Gas möglich ist.
Selbst wenn die 100-Prozent-Lösung gelänge, käme keine rechte Freude auf: Strom würde dann extrem teuer. Der neue RWE-Chef Jürgen Großmann schlägt deshalb einen „Energiepakt für Deutschland“ vor, den Bund, Länder, Verbraucher und Versorgungsunternehmen schließen sollen. „Mein Ziel ist eine saubere, nachhaltige und preiswerte Energieversorgung für unser Land“, sagt er – und lässt keinen Zweifel daran, dass die Kernenergie noch für einen „längeren Übergangszeitraum“ zur Sicherung der Versorgung benötigt werde.
Für Professor Manfred Popp, bis Ende 2006 Vorstandsvorsitzender des Forschungszentrums Karlsruhe, ist es gar keine Frage, wie es in Deutschland weitergeht. Wenn der Ausstiegsbeschluss nicht revidiert wird, würden deutsche Energieversorger neue Kernkraftwerke in den östlichen Nachbarländern bauen und Strom importieren. „Die Aktivisten“ hätten übersehen, „dass wir in einem vereinten Europa leben und jede Form einer nationalen Energiepolitik ein Anachronismus ist“.
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Die russische Atomindustrie freut sich schon auf die neuen Möglichkeiten. Daheim ist sie bereits gut beschäftigt. Zudem baut sie Anlagen in Iran, China und in einigen Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Anders als die noch bis in die Achtzigerjahre gebauten Kernkraftwerke sind die der jüngsten Generation mit einer Vielfalt an Sicherheitstechnik ausgestattet.
Sie haben beispielsweise eine absolut dichte doppelte Hülle aus Stahl und Stahlbeton, die auch Flugzeugabstürzen widersteht. Außerdem soll sie dafür sorgen, dass bei einem schweren Unfall radioaktive Partikel eingeschlossen bleiben und nicht, wie nach der Katastrophe von Tschernobyl im Jahr 1986, über weiten Teilen Europas niedergehen. Die modernen russischen Anlagen sind zudem mit einer gekühlten Wanne ausgestattet, die den gesamten Reaktorkern auffängt, wenn dieser durch einen schweren Unfall schmilzt.
All diese Sicherheitssysteme hat auch der größte Reaktor der Welt, der European Pressurized Reactor. Die ersten 1600-Megawatt-Anlagen des französisch-deutschen Unternehmens Areva entstehen derzeit in Finnland und Frankreich.
Chancen rechnet sich das Areva-Management auch in den USA aus. Doch die Konkurrenz ist hart. General Electric und der japanische Konzern Hitachi treten dort mit einer Gemeinschaftsentwicklung an. Mitsubishi, das bereits sieben Anlagen der aktuellen dritten Generation gebaut hat, will ebenfalls ins US-Geschäft einsteigen. Neben General Electric, das auch eine Eigenentwicklung anbietet, tritt Westinghouse als zweiter Single auf dem US-Markt mit einem relativ kleinen 1 200-Megawatt-Reaktor an.
Wie viele Neuanlagen die US-Stromversorger bauen, ist noch offen. Zunächst wird dort der zweite Block des Kernkraftwerks Watts Bar fertiggestellt, dessen Bau 1985 nach den Reaktorunfällen in Three Mile Island (USA) und Tschernobyl eingestellt wurde.
Und Chinas Nuklearindustrie? Einige Kernkraftwerke mit einheimischer Technik laufen bereits. Doch allein darauf will das Land sich nicht verlassen. So sind auch der russische Nuklearriese Rosatom mit seiner Kraftwerkstochter AtomStroyExport und Areva im Land tätig. Davon können die einheimischen Experten nur lernen.
