0 Bewertungen
22.10.2007 
Kälteanlagen

Sonnenwärme verschafft Kühlung

von Dennis Kremer

Der Markt für solargespeiste Kälteanlagen steckt noch in den Kinderschuhen – obwohl sowohl der Bedarf, als auch geeignete Einsatzmöglichkeiten vorhanden wären. Forscher sehen daher großes Potential in dieser Technologie und treiben dementsprechend die Weiterentwicklung voran.

KÖLN. Schon oft hat Ahmet Lokurlu die Skepsis in den Augen seiner Gesprächspartner gesehen, wenn er ihnen von seinem Unternehmen berichtete. Der Geschäftsführer der Solitem GmbH in Aachen hat sogar Verständnis dafür: "Man muss sich nur mal vorstellen, was passieren würde, wenn in den Sommermonaten die Klimaanlage eines Hotels ausfällt, und Hunderte von Gästen ohne Kühlung dastünden." Doch Lokurlu überwindet diese Skepsis mit einer einfachen Rechnung: "Im Sommer gibt es viel Sonne und einen hohen Bedarf an Klimatisierung - was liegt da näher, als Klimaanlagen mit Solarwärme anzutreiben?"

Lokurlus Unternehmen ist nicht das einzige, das die herkömmlichen stromfressenden Kühlungsverfahren durch solare Klimatisierung ersetzen will. Doch noch ist der Markt überschaubar: Die Anzahl der Anlagen ist niedrig, weil die Kosten des Kühlens durch Solarwärme in der Regel noch hoch sind. Die Hersteller aber sehen großes Potential.

Zwar seien solare Kühlungsverfahren genauso leistungsfähig wie herkömmliche Klimaanlagen, sagt Edo Wiemken vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg. Aber der Experte für solare Kühlung stellt auch fest: "Die Preise müssen deutlich runter." Noch mindestens drei Jahre wird es seiner Meinung nach dauern, bis solare Klimasysteme auch wirtschaftlich konkurrenzfähig seien. Zwei Dinge sind es, die laut Wiemken die Kosten in die Höhe treiben: Zum einen die teuren Sonnenkollektoren, zum anderen die aufwändigen Planungen, die vor dem Einsatz der Systeme notwendig seien. "Es fehlt hier an standardisierten Verfahren, noch muss man für jeden Einzelfall anders planen", sagt er.

Kein Wunder: Das ISE geht davon aus, dass es in Europa nur rund 100 solare Kühlsysteme gibt. An genauem Zahlenmaterial für die junge Branche mangelt es noch. Nach Schätzung des Fraunhofer-Institutes stehen 30 Geräte in Deutschland, zehn davon an Universitäten oder Forschungsinstituten. Zwar fördert das Bundesumweltministerium mit seinem Programm "Solarthermie 2000 Plus" die Entwicklung von Anlagen aller Art, die als Antrieb Sonnenwärme verwenden. Aber angesichts der bisherigen Marktentwicklung fordert ISE-Wissenschaftler Wiemken: "Wir brauchen ein spezielles Anreizprogramm für solare Kühlung."

Solitem-Geschäftsführer Lokurlu will auch ohne staatliche Unterstützung solare Klimasysteme günstiger machen. Seine Neuentwicklung: Statt der üblichen Flachoder Röhrenkollektoren setzt sein Unternehmen so genannte Parabolrinnen ein. Diese zeichnen sich dadurch aus, dass sie das Sonnenlicht in hochkonzentrierter Form absorbieren. Das bedeutet: Das Wasser, das unter den Kollektoren hindurchfließt und als Träger für die gewonnene Wärme dient, erhitzt sich auf bis zu 200 Grad und treibt eine Kältemaschine an - bei herkömmlichen Kollektoren sind nur etwa 130 Grad möglich. "Auf diese Weise können wir mit der gleichen Anzahl an Kollektoren die dreifache Menge an Kälte produzieren", sagt Lokurlu.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Verbesserte Technik kann den Umsatz ankurbeln

Der gebürtige Türke, mehrfach für seine Innovation ausgezeichnet, sieht vor allem im Süden gute Absatzchancen: "Aufgrund der klimatischen Bedingungen sind mediterrane Länder für uns interessant, aber auch Deutschland kann wegen seiner hohen Energiepreise zu einem wichtigen Markt werden."

In der Türkei hat Solitem bisher zwei Hotels mit Parabolrinnen ausgestattet. Zurzeit installiert das Unternehmen drei weitere Kollektorenfelder, eins davon in Nordrhein-Westfalen. Hohe Umsätze können die 30 Beschäftigten der Firma, die in Aachen entwickeln und in Ankara produzieren lässt, aber noch nicht erzielen - das Unternehmen ging erst Anfang 2006 mit seinen Parabolrinnen auf den Markt.

Auch die Menerga Apparatebau GmbH aus Mühlheim an der Ruhr erwirtschaftet noch keine hohen Erlöse mit solarer Kühlung: Zwar strebt der Klimagerätehersteller für das Jahr 2007 mit seinen europaweit etwa 450 Beschäftigten einen Umsatz von über 50 Mill. Euro an. Die Klimaanlage mit der Typenbezeichnung "72/73" hat daran aber nur geringen Anteil - 2008 will Geschäftsführer Jürgen Röben mit ihrem Verkauf etwa 800 000 Euro erzielen. Drei Geräte sind bisher im Einsatz, eines zum Beispiel in einem Logistikzentrum in Coburg. Vier weitere will Menerga demnächst ausliefern, nach einem werbewirksamen Namen suchen die Marketing-Leute noch. Geschäftsführer Röben sieht jedenfalls großes Marktpotential für solarthermisches Kühlen. Bislang kommen die Klimaanlagen ausschließlich in größeren Gebäuden zum Einsatz. "Für den privaten Häuslebauer ist das ganze noch nicht rentabel", sagt Menerga-Geschäftsführer Röben.

Hans Müller-Steinhagen will das ändern. Der Professor für Thermodynamik und Wärmetechnik hat an der Universität Stuttgart einen Prototypen entwickelt, mit dessen Kälteleistung von zehn Kilowatt sich ein Zweifamilienhaus klimatisieren lässt. Seine solarthermische Anlage zeichnet sich durch zwei Dinge aus: Sie speichert Kälte - auch bei vorübergehendem Fehlen von Solarwärme ist also Kühlung vorhanden. Und: "Sie verbraucht 90 Prozent weniger Strom als eine herkömmliche Kompressions-Kältemaschine." Allen interessierten Hausbesitzern macht Müller-Steinhagen Hoffnung. Er geht davon aus, dass der Prototyp im Jahr 2009 Marktreife erlangt. Bis dahin testet er die Anlage selbst: Sie kühlt fünf Büroräume an seinem Stuttgarter Lehrstuhl.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

weiterBildergalerien

zurück
  • Die Nobelpreisträger 2008

    Die Nobelpreisträger 2008

    Von den kleinsten Bausteinen der Materie bis zum Aufbau unseres Universums reicht die Bandbreite der Forschungen, für die in diesem Jahr Nobelpreise vergeben wurden. Dazu ein Nobelpreis für Litertur, über den sich die Franzosen freuen dürfen. Die Preisträger 2008 im Üb...Bildergalerie 

  • Regenwald unter dem Dach

    Regenwald unter dem Dach

    Solarzellen, Recycling-Stahlträger und eine Wärmedämmung, die auf alten Blue-Jeans basiert: In Kalifornien steht einer der ungewöhnlichsten Museumsbauten der Welt. Die frisch eröffnete "California Academy of Sciences" hat jetzt eine besondere Anerkennung erhalten.Bildergalerie 

  • Wohin mit den Millionen Kronen?

    Wohin mit den Millionen Kronen?

    Neben der Ehre ist auch das Preisgeld ein schöner Grund, sich über einen Nobelpreis zu freuen. Immerhin gibt es zehn Millionen Kronen für die Auszeichnung. Da lässt sich manch ein Traum erfüllen - vom schnellen Motorrad bis zum englischen Rasen vor der eigenen Hütte. W...Bildergalerie 

vor

 

 

weiterHandelsblatt Quiz

Wissens-Test: Die größten Energiefresser im Haus

Los geht's!Wollen Sie im Haushalt Energie sparen, gilt es zunächst die größten Verbraucher zu identifizieren. Oder wissen Sie bereits, wie viel Energie Wasserbe...
Testen Sie Ihr Wissen!