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19.03.2008 
Erneuerbare Energie

Strom aus der Erde

von Kathleen Spilok

Die Erwartungen an die Geothermie sind groß und das Potenzial ist riesig. Allerdings ist die geothermische Strom- und Wärmenutzung bislang erst ein Zwerg und die neue Energiesparte kommt nur langsam in die Gänge.

Die Klimadiskussion hat die Geothermie ins Scheinwerferlicht gerückt. Bild: Rödl & PartnerLupe

Die Klimadiskussion hat die Geothermie ins Scheinwerferlicht gerückt. Bild: Rödl & Partner

STUTTGART. Es sind zwar viele Geothermiekraftwerke geplant, aber erst eins ist am Netz. Anders sieht es bei der oberflächennahen Nutzung aus. Das Heizen mit Erdwärme boomt. Trotz des holprigen Starts herrscht Aufbruchstimmung und keine Woche vergeht, ohne mindestens eine Geothermie-Veranstaltung – ob Entebbe oder Oldenburg, als internationale Konferenz oder im kleinen Kreis der Eingeweihten.

Wer dabei sein will in Sachen Geothermie, muss fast aus dem Koffer leben. Geowissenschaftler freuen sich an neuen Erschließungstechnologien, die sie entwickeln, Umweltbeamte an der properen Ökobilanz, Bohrfirmen an der guten Auftragslage, Klimaexperten errechnen CO2-Einsparungen und Energieinstitute preisen den Vorteil rund um die Uhr verfügbarer Energie.


Tabelle  Infografik: Erdwärme versorgt Haushalte mit Strom und Wärme


Die Klimadiskussion hat die Geothermie ins Scheinwerferlicht gerückt. Die Tiefengeothermie – unter Branchenkennern Wärmebergbau genannt – gilt immerhin als eine Option, die Klimaziele der Bundesregierung zu erreichen. Vor allem den Erdwärmekraftwerken, die Strom in die Netze speisen und damit auf einen Schlag mehrere tausend Haushalte versorgen, gehört die Zukunft.

Nach Landau im letzten Herbst geht in wenigen Wochen nun das zweite kommerzielle Geothermiekraftwerk in Unterhaching ans Stromnetz. Seit einem halben Jahr versorgt die Anlage die Region bereits mit Erdwärme. In diesem Jahr werden zusätzlich etwas über drei Megawatt elektrische Leistung aus dem dreieinhalb Kilometer tiefen Bohrloch gezogen. Das reicht für rund 9 000 Haushalte.

Bei der Anlage in Unterhaching wird zum ersten Mal, der sogenannte Kalina-Prozess genutzt. Gasförmiger Ammoniak treibt anstelle von Wasserdampf die Turbinen an und soll so einen hohen Wirkungsgrad gewährleisten. Im Moment wird noch das Zusammenspiel der Kraftwerkstechnik mit dem 120 Grad heißen Thermalwasser optimiert.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Jede Anlage ist ein Unikat

Aber nach Landau und Unterhaching macht die Zukunft erst mal Pause, in den nächsten zwei Jahren wird kaum ein Stromprojekt ans Netz gehen. Denn einen einheitlichen Stand der Technik für die Erdwärmeverstromung im großen Maßstab gibt es noch nicht. In praktisch jedem neuen Kraftwerk steckt eine neue Technik. So ist fast jede Anlage Neuland.


» Mehr zum Thema: Heizwärme aus dem Vorgarten


Eine Reihe kleinerer Wärmeanlagen steht derweil in den Startlöchern. Danach heißt es abwarten. „Im Moment reicht die Einspeisevergütung für viele Projekte nicht aus“, sagt Jens Burgtorf vom Vorstand des Bundesverbands Geothermie, und große Kraftwerke haben einen langen Vorlauf. Mit der Wärme, die hauptsächlich aus heißem Wasser im Untergrund kommt, wird heute nur eine Nische von einem Prozent im Wärmemarkt der erneuerbaren Energien bedient. Der geothermische Stromanteil ist nur ein Bruchteil von einem Prozent.

Jede Bohrung und beinahe jede Anlage ist mit großen Unsicherheiten behaftet. Eine ausreichende Rendite ist nur mit dem Wärmeverkauf möglich – das ist oft ein Dilemma: Um die Wärme unterzubringen, braucht es passende Infrastrukturen – und Abnehmer. „Unter den gegebenen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen kann man nicht beliebig viele Nah- und Fernwärmenetze installieren; zum Verbessern des Wärmeabsatzes müssen wir zukünftig deutlich kreativer werden“, sagt Martin Kaltschmitt, Institutsleiter an der Uni Hamburg-Harburg.

Erst wenn die Wärme nicht vollständig abgenommen, ist die zusätzliche Stromerzeugung eine Option. Dafür sind mindestens hundert Grad im Untergrund nötig. Fürs Genehmigungsverfahren nach dem Bergrecht sind Ausdauer und ein Finanzpolster gefragt: Ein Nachweis, dass man genug Geld für die geologische Erkundung und zum Bohren hat, sowie die Anlage bauen und betreiben kann, ist Voraussetzung. Zusätzlich belasten steigende Bohrkosten die Rendite.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Mut zum Risiko

Somit heißt es Mut zum Risiko: Häufig sind es Energieunternehmen, die die nötige Erfahrung mitbringen, oder Beteiligungsgesellschaften, die bereit sind, Risiken für die Erschließung übernehmen und als Betreiber auftreten. Eher zu den Ausnahmen gehört Unterhaching, wo eine Geothermiegesellschaft, die der Gemeinde gehört, ein so großes Projekt stemmt. Denn die Investitionskosten können zwischen 40 und 60 Mill. Euro liegen. Da wundert es nicht, dass Strom aus der Erde vor allem teuer ist. Eine Kilowattstunde kostet mehr ab 17 Cent. Im neuen Energieeinspeisungsgesetz soll die Vergütung für geothermischen Strom von 15 auf 16 Cent angehoben werden. Die Branche fordert jedoch deutlich mehr.

Trotzdem lässt sich das Riesenpotenzial erkennen: Jede Menge Projekte sind in der Entwicklung, so dass sich die Situation ab 2010 ändern wird. Allein in Bayern sind rund 80 Erdwärmekraftwerke im Bau oder geplant, die das Tiefenwasser anzapfen sollen. Deutschlandweit sind 150 Anlagen mit einer Investitionssumme von geschätzten vier Milliarden Euro in Vorbereitung.

Auf der Stromseite rechnet die geothermische Vereinigung 2020 mit einem Gigawatt installierter Kraftwerksleistung, 2030 sollen es schon drei Gigawatt sein. Experten rechnen damit, dass steigende Energiepreise dafür sorgen werden, dass Geothermie sich mehr und mehr rechnen. Nicht zu vergessen, die Exportchancen: Die Technikentwicklung könnte deutschen Firmen einen entscheidenden Vorsprung auf internationalen Märkten verschaffen. Dem Lockruf des hiesigen Erdschatzes sind schon einige gefolgt. Experten beobachten, dass der Run auf Geothermiefelder beginnt. „Der Oberrheingraben ist fast vollständig abgedeckt“, frohlockt Burgtorf. Das klingt fast wie die Rauferei um Erdölclaims in Dallas.

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