Deutschland wird in diesem Jahr seine weltweit führende Position in der Erzeugung von Strom aus Windkraftanlagen verlieren. Experten erwarten für dieses Jahr einen deutlichen Rückgang gegenüber dem Vorjahr. Kommt es zu keiner Trendumkehr, wird Deutschland sein Klimaschutzziel bis zum Jahr 2020 verfehlen.
HANNOVER. Musterwindland USA: Ausgerechnet im Land des notorischen Klimaskeptikers George W. Bush erlebt die Windkraft einen wahren Boom. Experten erwarten, das in diesem Jahr neue Anlagen mit Kapazitäten von mindestens 7 000 Megawatt (MW) errichtet werden - ein Mehr gegenüber dem Vorjahr von knapp 40 Prozent.
Hierzulande dagegen wird der Neubau wieder rückläufig sein: Hermann Albers, Präsident des Bundesverbands Windenergie (BWE), erwartet, dass in diesem Jahr die installierte Leistung nur um 1 400 MW auf 23 600 MW steigen wird. Im Vergleich zu den 1 700 des Vorjahres bedeutet das einen deutlichen Rückgang
Komme es zu keiner Trendumkehr, werde Deutschland sein Klimaschutzziel bis zum Jahr 2020 verfehlen. Nur wenn bis dahin jedes Jahr neue Windstromkapazitäten mit einer Leistung von 3 500 MW hinzukämen, könne die Vorgabe, mindestens 30 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien zu erzeugen, eingehalten werden, so Albers.
Ein Hindernis für neue Anlagen bestünde häufig darin, dass sie sich derzeit wegen der im internationalen Vergleich niedrigen Einspeisevergütung in Deutschland nicht rechneten. Vor allem die stark gestiegenen Preise für Stahl und Kupfer schmälern die Rendite. Deshalb müsse bei der geplanten Änderung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) die Einspeisevergütung für an Land erzeugten Windstrom um zehn Prozent auf 9,6 Cent pro Kilowattstunde (KWh) angehoben werden, forderte Albers jüngst auf der Hannover Messe. Als denkbare Alternative für eine einmalige Anhebung nannte der BWE-Präsident die Bindung der Windstromvergütung an die steigenden Rohstoffpreise. Wenn auch das nicht geschehe, solle zumindest die im EEG vorgesehene Degression der Vergütung für die Einspeisung um jährlich zwei Prozent vorübergehend ausgesetzt werden.
Mit der höheren Vergütung für Windkraftanlagen im Meer (Offshore), die der Bundestags voraussichtlich im Juni bei der Novellierung des EEG beschließen werde, könne die Branche dagegen leben. „Bei der Offshore-Vergütung von 14 Cent pro Kilowattstunde bekommen wir endlich die Regelung, die man schon seit Jahren gebraucht hätte“, sagte Albers.
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Der BWE zeigte sich gleichwohl überzeugt, dass sich die derzeitige Differenz zwischen den Erzeugungskosten für Windstrom und dem sogenanntem grauen Strom aus konventionellen Großkraftwerken spätestens in zehn Jahren angleichen werden. Insbesondere die drastischen Preissteigerungen bei fossilen Energieträgern wie Gas und Kohle sowie die voraussichtlichen Kosten für den Ausstoß des klimaschädlichen Kohlendioxids machen die Windenergie wettbewerbsfähiger.
Nach den Plänen der EU müssen die Energieversorger ab 2013 die Rechte für den Ausstoß von Kohlendioxid an einer Börse erwerben. Ab einem Preis von mehr als 35 Euro pro Tonne Kohlendioxid besteht der augenblickliche Kostenvorteil von modernen Steinkohlekraftwerken voraussichtlich nicht mehr.
Nach Angaben des BWE stieg der Umsatz mit in Deutschland hergestellten Windkraftanlagen und deren Bauteilen im vergangenen Jahr um 18 Prozent auf 7,6 Mrd. Euro. Rund 78 Prozent davon entfielen auf das gut gehende Exportgeschäft. Um die Auftragsflut zu bewältigen und am langfristigen Wachstum der Branche teilzunehmen, stellten die Unternehmen 10 000 neue Mitarbeiter ein. Für dieses Jahr erwarten Experten ein weiters Wachstum des Weltmarkts um ein Viertel auf 26,5 Mrd. Euro. Während die Exportquote der deutschen Windindustrie nach Angaben des BWE weiter auf 84 Prozent steigen wird, dürfte ihr Weltmarktanteil von 36 Prozent auf 33 Prozent sinken.
