
FRANKFURT/MAIN. In den Ozeanen unseres Planeten leben vermutlich rund zehn Millionen verschiedene Arten. Zu diesem Ergebnis kommen Meeresforscher nach Auswertung von Daten, die im Rahmen des „Census of Marine Life“ (COML) erhoben wurden. Das internationale wissenschaftliche Großprojekt soll nach zehn Jahren im Laufe von 2010 abgeschlossen werden. Schon jetzt ist absehbar, dass die Ergebnisse weit über das hinausgehen, was zu Beginn der Untersuchungen erwartet worden war.
Algen, Bakterien, Fische, Korallen oder Säugetiere – die Vielfalt der Lebens unter Wasser ist beeindruckend. Längst sind nicht alle Arten bekannt, die jetzt veröffentlichte Zahl basiere auf einer Hochrechnung, so Pedro Martínez, Direktor des Forschungsinstituts Senckenberg am Meer (Wilhelmshaven). Vor allem in der Tiefsee, mehrere tausend Meter unter dem Meeresspiegel, stießen die Forscher auf eine überraschende Vielfalt an Organismen. Noch vor wenigen Jahrzehnten galt diese kaum erforschte Region als fast leblose „Unterwasser-Wüste“.
Fische dürften die kleinste Gruppe der Ozeanbewohner sein: Auf rund 40 000 werde die Zahl ihrer Arten geschätzt, sagte Rainer Froese vom Leibniz-Institut für Meereswissenschaften Geomar (Kiel). Derzeit seien 30 000 Fischarten bekannt, davon 15 000 im Meer. Pro Jahr werden 200 bis 400 neue Arten entdeckt, vor allem in der Tiefsee und in den Tropen.
Erst langsam dringen Wissenschaftler in große Tiefen vor und entdecken dabei fast täglich neue Arten. Wegen des hohen Drucks sind hochspezialisierte Roboter und Messgeräte nötig, um diese für Erdbewohner tödlichen Lebensräume zu erkunden. Fast 90 Prozent der Tiere, die Wissenschaftler aus der Tiefe hochziehen, sind neue Arten, viele davon bizarr anmutend. 500 neue Arten seien inzwischen wissenschaftlich beschrieben, „aber wir haben tausende gefangen, wir kommen nicht hinterher“, sagt Martínez.
In der Tiefsee stoßen die Forscher auch auf ganz spezielle Lebensräume, etwa „schwarze Raucher“ – heiße Unterwasserquellen, in deren Umgebung hoch spezialisierte Bakterien und meterlange Würmer leben. Unter der Meeresoberfläche finden sich auch mehrere tausend Meter hohe Seegebirge und bis zu 35 Kilometer lange Kaltwasser-Korallenriffe. „Wir haben Erstaunliches gefunden“, sagt Antje Boetius von der Universität Bremen. Anders als im Tierreich werde etwa die Vielfalt der Bakterien in Polargebieten größer. Ihre Funktionen seien noch unbekannt.
Seit zehn Jahren läuft die bisher größte wissenschaftliche „Volkszählung“ in den Meeren. Forscher aus 70 Ländern beteiligen sich am Census of Marine Life“. Sie untersuchen sämtliche Ökosysteme, von der Küste bis in die Tiefsee. Ende 2010, das die Uno zum Jahr der biologischen Vielfalt ausgerufen hat, sollen die Ergebnisse präsentiert werden.