Forschung + Innovation

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Europäischer Erfinderpreis 2013: Übersetzung per Autopilot

Wer Texte per Software übersetzen lässt, nutzt eine Erfindung des Informatikers Philipp Koehn. Der Mann, der dem Computer Fremdsprachen beibrachte, ist einer der Kandidaten für den Europäischen Erfinderpreis 2013.

Philipp Koehns innovative Methode steckt in so gut wie allen Verfahren maschineller Spracherkennung, die heute auf dem Markt sind
Philipp Koehns innovative Methode steckt in so gut wie allen Verfahren maschineller Spracherkennung, die heute auf dem Markt sind

DüsseldorfIm Jahr 1999 verfassten die beiden Doktoranden Lawrence Page und Sergey Brin einen Aufsatz mit dem Titel „The PageRank Citation Ranking: Bringing Order to the Web“. Ein technischer Report lediglich– keine von Fachkollegen begutachtete Veröffentlichung in einer führenden wissenschaftlichen Zeitschrift.

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Ihre Doktorarbeiten führten Page und Brin danach nicht mehr zu Ende. Es gab anderes zu tun: Das Verfahren, welches in dem Aufsatz beschrieben wird, legte den Grundstein für die Gründung ihre Unternehmens. Page und Brin, die Gründer des IT-Giganten Google, sind heute, wie man weiß, Multimilliardäre.

Auf ähnliche Weise geht auch eine andere Komponente des digitalen Zeitalters auf einen einzigen Aufsatz zurück. Der Titel: „Statistical Phrase-Based Translation“. Veröffentlicht wurde er 2003 in einem Tagungsband. Auf nur sieben Seiten wird hier jene Methode vorgestellt, die es uns heute erlaubt, ohne Rücksicht auf sprachliche Barrieren rund um den Globus miteinander kommunizieren: die automatische Übersetzung.

Was Online-Übersetzer leisten Fremdsprache oder Kauderwelsch

Einen Text in einer fremden Sprache mit wenigen Klicks im Internet in verständliches, druckreifes Deutsch übersetzt. Es könnte so schön sein. Doch Online-Übersetzungsdienste sind noch lange nicht so weit.

Wer auf „Google-Übersetzer“ einen Text eingibt oder in einem Webbrowser wie Chrome auf „übersetzen“ drückt, setzt genau jene im Jahr 2003 erstmals im Detail ausgearbeitete Methode der „statistischen phrasenbasierten Übersetzung“ ein. Selbst wenn die Resultate bislang nur selten perfekte Sprachqualität aufweisen: In vielen Fällen reichen sie zumindest aus, um sich orientieren. Und für Profis in Übersetzungsbüros oder den Kommunikationsabteilungen international agierender Konzerne ist der „Autopilot“ längst zum unverzichtbaren Werkzeug der täglichen Arbeit geworden, dessen Ergebnisse von Hand lediglich nachbearbeitet werden.

Federführender Autor jenes Aufsatzes, den andere Wissenschaftler bis heute tausendfach in ihren eigenen Veröffentlichungen zitiert haben, war der deutsche Informatiker Philipp Koehn – ein gebürtiger Bayer, seinerzeit Doktorand an der University von Southern California, heute Professor in Edinburgh. Wenn überhaupt eine Einzelperson als Erfinder jener Übersetzungsalgorithmen gelten kann, die heute auf so gut wie jedem Computer auf der ganzen Welt im Einsatz sind, dann er.

Erfindungen und Patente

„Unsere Innovation bestand vor allem im dem Modell, welches der Übersetzung zugrunde liegt“, erklärt Koehn. Bis dahin hatten Forscher meist versucht, Computern Grammatikregeln und Wörterbücher beizubringen – ein Ansatz, der die maschinelle Übersetzung zu einem aufwendigen und nur bedingt von Erfolg gekröntem Prozess machte.

Seit den späten 1980er Jahren experimentierten Forscher deshalb auch mit statistischen Verfahren. Auf der Basis von Texten, die bereits in verschiedenen Sprachen vorlagen, wurden die Computer daraufhin trainiert, fremdsprachliche Wörter und deren Übersetzung automatisch zu erkennen.

  • 10.04.2013, 18:03 UhrInsider

    Die beiden Kommentare der Übersetzer treffen den Nagel auf den Kopf, und zwar

    1) aus Sicht der Übersetzung mit ihren niemals automatisierbaren Problemen und
    2) aus der Sicht der Ingenieurswissenschaften und der Informationstechnik - auch unter Berücksichtigung all der technischen Möglichkeiten, wie sie heute in der Forschung behandelt werden.

    Wer beide(!) Seiten kennt (Übersetzungswissenschaften + MINT-Wissenschaften), kann über den Artikel eigentlich nur schmunzeln. Das funktioniert so weder für die schöngeistige Literatur noch für die Texte der MINT-Wissenschaften.

    Wir leben in einer Zeit, in der immer mehr Akademiker selbst bei der Abfassung von Texten in der deutschen Muttersprache gewisse Schwierigkeiten haben. Englische Texte können sie in der Regel sowieso nicht fehlerfrei verfassen. Das Verfassen französischer Texte liegt für sie weit außerhalb ihrer Fähigkeiten. Die Auflösungsgrenze unserer Manager und unserer selbsternannten Sprachenkompetenzler liegt in der Regel bei Straßen- und Plapper-Englisch.

    Nur in dieser kulturlosen Zeit gelten Babelfish u. Co. als diskutierbare Übersetzungshilfen. Wo Plappern Trumpf ist, benötigt man keine Grammatik. In dieser armseligen Welt, in der das Auseinanderhalten von Ursache und Wirkung irrelevant ist, genügt triviale Wortstatistik, die auf alten Phrasen aufbaut.

    Wer wirklich auf dem Gebiet der ‚automatischen Übersetzung’ etwas leisten will, kann unter der Voraussetzung, daß er gleichzeitig perfekte Grammatikkenntnisse und perfekte ingenieurswissenschaftliche Kenntnisse mitbringt, im günstigsten Fall ganz kleine Fortschritte erzielen. Aber er wird sich an diesem Thema dann bis in alle Ewigkeit die Zähne ausbeißen. Wer es ohne Grammatik probiert, wird immer scheitern, weil die Sprache durch die Grammatik gesteuert wird.

    gez.
    Prof. Dr.-Ing. aus dem MINT-Bereich
    verh. mit Übersetzerin für die französische Sprache

  • 10.04.2013, 13:52 UhrChristina

    Als Übersetzerin kann ich nur sagen: herzlichen Dank für diese tolle Erfindung. Ein Trost in der dunklen Stunde bleibt: Wenn wir nicht wollen, dass alle übersetzten Texte mit dem Substantiv anfangen, wenn wir Rhythmus, Wortwitz und Leuchtkraft wollen, dann werden wir immer ÜbersetzerInnen brauchen, genauso wie Komponisten und Vollblutmusiker.

  • 10.04.2013, 10:44 UhrHolgerMueller

    Als Gesellschafter einer Übersetzungsagentur kann ich nur bestätigen, dass der "Faktor Mensch" in der Übersetzungsbranche unerlässlich ist. Auch die Bearbeitungssoftware bietet Übersetzern zahlreiche Hilfestellungen, zum Beispiel was die durchgängig kohärente Benutzung von Begriffen in langen Texten angeht. Die reine Automatik setzt nicht nur bei Ironie oder idiomatischen Redewendungen (etwa im Marketing) aus, sondern häufig auch, wenn in Unternehmen besondere und vom Standard abweichende Begriffsapparate verwendet werden. Sprache ist nicht unbedingt logisch. Hier entscheidet dann der Mensch.