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Fototechnik: Letzter Schliff am größten Teleobjektiv der Welt

In Oberkochen entsteht zur Zeit das größte zivile Teleobjektiv der Welt. Mit 1700 Millimeter Brennweite erkennt es noch die Millimeter-Einteilung eines Zollstocks vom gegenüberliegenden Ende eine Fußballfelds aus.

von Thilo Resenhoeft
25 Kilogramm wiegt allein die Frontlinse des Teleobjektivs. Quelle: dpa
25 Kilogramm wiegt allein die Frontlinse des Teleobjektivs. Quelle: dpa

OBERKOCHEN. In einem Reinraum der Carl Zeiss AG in Oberkochen wird derzeit das größte zivile Teleobjektiv der Welt montiert. Das exotische Einzelstück wurde über mehrere Jahre entwickelt, hat alle möglichen Ingenieure vor zahlreiche neue Aufgaben gestellt und soll irgendwann im Herbst ausgeliefert werden. An wen, das wird derzeit nicht verraten, sagt der Marketingleiter des Geschäftsbereichs Fotoobjektive, Helmut Heier. Er gehe aber davon aus, dass der „Besitzerstolz“ den Kunden dazu bringen werde, sich zu erklären. „Vielleicht will er aber auch nur eine große Holzkiste an irgendeinem Flughafen ausgehändigt bekommen.“

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Dabei wird mit großer Sicherheit ein Gabelstapler zum Einsatz kommen: Der fast zwei Meter lange Trumm wiegt rund 270 Kilogramm, die Frontlinse hat einen halben Meter Durchmesser. Bei einer Brennweite von 1700 Millimetern besitzt das Tele die außergewöhnliche Lichtstärke von 1:4. Je mehr Licht das Objektiv passieren lässt, umso kürzere Belichtungszeiten werden möglich, und desto schärfer und besser lassen sich bewegte Szenen festhalten. Dabei gilt die einfache Beziehung: Je lichtstärker, desto größer, komplizierter und teurer.

Der Optik-Konzern hatte den außergewöhnlichen Auftrag bereits 2006 publik gemacht. Auftraggeber ist demnach ein Kunde „mit sehr hohen Ansprüchen und einem speziellen Interesse an Tierfotografie aus großer Entfernung in freier Wildbahn“. Spekulationen von interessierten und teils neidischen Fotoamateuren im Internet gehen fast einhellig davon aus, dass ein Scheich Porträts von Wildtieren schießen will.

Dafür könnte das Tele etwa mit einem sehr stabilen Stativ auf einen Geländewagen montiert werden. Ein Paparazzo, der sich möglichst unbemerkt in Stellung bringen möchte, hätte das Überraschungsmoment mit dieser Optik also nicht auf seiner Seite. Zum Preis nur soviel: „Ein Sechser im Lotto reicht nicht“, sagt Heier. „Man braucht schon den Jackpot, aber dann bleibt auch noch etwas übrig.“ Zeiss lerne an solchen Spezialprojekten viel über den Bau anderer Objektive. Die 1846 von Carl Zeiss als Feinwerkstatt für Mechanik und Optik in Jena gegründete Firma schließt nicht aus, dass es im militärischen Bereich noch stärkere Objektive dieser Bauart gibt, aber das wisse eben niemand.

Das neue Objektiv namens „Carl Zeiss Apo Sonnar T* 4/1700“ vergrößert enorm. 1700 Millimeter Brennweite bedeuten, dass man damit noch die Millimeter-Einteilung eines Zollstocks erkennen kann, wenn Zollstock und Kamera an den gegenüberliegenden Enden eines 105 Meter langen Fußballfeldes stehen, heißt es bei Zeiss.

Das Aufnahmeformat beträgt 60 mal 60 Millimeter, füllt also das Mittelformat aus, was die Auflösung der Aufnahme verbessert. Dieses vielen Menschen allenfalls noch von den Großeltern bekannte Format nutzt den langsam verschwindenden Rollfilm oder große, sehr teure digitale Kamerarückteile. Kleinbild-Kameras belichten nur eine Fläche von 24 mal 36 Millimetern, also viermal weniger. An den 1,90-Meter- Riesen lassen sich im Prinzip sowohl analoge als auch digitale Kameras anschließen, aber was immer es wird, es erscheint als winziges Anhängsel.

Die Frontlinse steht stellvertretend für den Aufwand. Sie ist „zum Preis eines Supersportwagens“ zu haben, besitzt einen Durchmesser von einem halben Meter und ist rund fünf Zentimeter dick. Der Rohling wurde eigens produziert. Wie in der Optik üblich, musste das geschmolzene Spezialglas unter genau kontrollierten Umständen langsam auskühlen, damit es keine Spannungen oder gar Schlieren in dem Material gibt.

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Scharfgestellt wird intern mit einem Motor, der über eine LCD- Bedieneinheit gesteuert wird. Das muss auch in der Arktis und der Wüste gehen. „Wir wollen unserem Kunden schließlich nicht sagen, das funktioniert nur im Labor bei 20 Grad Celsius“, sagt Heier.

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